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Hans-Ulrich Buchwald
*20.12.1925 in Breslau - †18.2.2009 in Hannover

Sein künstlerisches Werk, vielfältig, eindringlich, dem Augenblick genauso verpflichtet wie der weit ausgreifenden Erinnerung an die lebendige Natur und die schöpferische Kultur des Menschen, hat einen existentiellen Bestand begründet, der nicht völlig in der Zeit verschwinden kann. Da ist etwas, das bleibt.

Rudolf Jüdes

Liebe Familie Buchwald,

liebe Töchter und Enkelkinder von Hans-Ulrich Buchwald,

mit großer Trauer habe ich die Nachricht vom Tode von Hans-Ulrich Buchwald, Ihrem Vater und Großvater, zur Kenntnis nehmen müssen.

Hans-Ulrich Buchwald gehört zu den Künstlerpersönlichkeiten dieser Stadt, die eine große Lücke hinterlassen werden. Nicht nur sein künstlerisches Oeuvre ist bedeutend, sondern insbesondere sein Lebenswerk, das Scharniertheater, hat mit seinen fantasievollen Figuren und Theaterstücken unser Kulturleben sehr bereichert.

… Meine Mitarbeiter in unserer Kulturverwaltung, die gut und gern mit Hans-Ulrich Buchwald zusammengearbeitet haben, sind besonders betroffen von dem Verlust.

Hans-Ulrich Buchwald hat sich um die Landeshauptstadt Hannover verdient gemacht. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

In aufrichtiger Anteilnahme

Stephan Weil, Oberbürgermeister

23.2.2009

1925 in Breslau geboren
Besuch der Waldorfschule ab 4. Klasse, wächst in einem kunstsinnigen Elternhaus auf, beginnt früh zu zeichnen und zu malen

Ausbildung

1940 Früher Eintritt in die Meisterschule des Handwerks (Werkkunstschule) in Breslau. Fach Gebrauchsgrafik bei Prof. Rump

1947 Private Malschule bei Irene und Josef Apportin in Hameln

1950-52 Studium an der Werkkunstschule Hannover bei Prof. Erich Rhein

1943-47 Arbeitsdienst, Militärdienst und amerikanische Kriegsgefangenschaft

1947 Wiedersehen mit den aus Breslau vertriebenen Eltern in Hameln. Alle frühen Arbeiten Buchwalds sind verlorengegangen

1948 Begegnung mit den Begründern des Hamelner Kunstkreises, Rolf und Charlotte Flemes, und Reisestipendien des Kunstkreises nach Marokko und Schweden

1949 Aufnahme in die Kunstvereinigung „Arche“, Hameln, und Förderung durch Hans Seutemann in Hameln

1950-52 Studium an der Werkkunstschule Hannover bei Prof. Erich Rhein

1951 Beginn mit Holzschnitten

1952-56 Bühnenbildner am Stadttheater Hildesheim

1956 Heirat mit der Malerin und Kunsterzieherin Hella Feyerabend

seit 1956 Grafiker in der prähistorischen Abteilung im Landesmuseum Hannover und Zusammenarbeit mit dem ebendort arbeitenden Heinrich Schwieger-Uelzen. Beginn der Linolschnitte, die dann den Hauptumfang des heute vorliegenden grafischen Werks ausmachen sollten

1963 Beginn mit figürlichen Terrakotten bei der Keramikerin A. Kindermann in Wellie

seit 1965 regelmäßige Sommertätigkeit in einer keramischen Fabrik im Töpferdorf Duingen. In wenigen Jahren entsteht ein umfangreiches Werk an Terrakotten

1965 Mitglied der internationalen Holzschneidervereinigung „Xylon“ in der Schweiz
Förderpreis des Niedersächsischen Kunstpreises

1969 Gründung des Scharniertheaters. Maskenbau und Figurinenbau wird zum immer wichtigeren künstlerischen Arbeitsgebiet. Bis 2009 entstehen viele hundert Masken und Figurinen

1975 Jurymitglied der „Xylon“ in Fribourg/Schweiz

1980 aus der Berufsarbeit beim Landesmuseum Hannover ausgeschieden

1980 Beginn der „freiwinkeligen“ Bilder mit Acrylfarben, bei denen der Rahmen als wichtiges Element in das Bild einbezogen wird. Bis 2000 war ein umfangreiches malerisches Werk, bestehend aus Ölbildern und Aquarellen, entstanden

bis 1990 über sechzig Produktionen für das Scharniertheater Hannover 

2000 Tod seiner Frau Hella Buchwald

seit 2000 Beginn mit kleinformatigen Linoldrucken

2009 in Hannover gestorben

Einzelausstellungen

1960 Städtisches Museum Göttingen (mit Ehefrau Hella Buchwald)

1963 Bund Bildender Künstler Hannover (mit Hella Buchwald)

1964 Märkisches Museum Witten (mit Hella B.)

1965 Kunstkreis Hameln (mit Hella B.)

1966 Reuchlinhaus Pforzheim

1968 Kleine Galerie, Bad Waldsee
Galerie am Abend, Berlin

1969 Bund Bildender Künstler Hannover (mit Hella B.), erster Auftritt des Scharniertheaters

1971 Funkhaus Hannover (mit Hella B.)

1973 Rotenburg an der Wümme, bei Bremen

1974 Theater am Aegi, veranstaltet vom Kunstverein Hannover
Galerie Internationale, New York 

1977 Haus am Lützowplatz, Berlin (mit Terrakotten der drei Töchter Gundel, Marianne und Luise und der Ehefrau Hella)

1979 Handwerkskammer Köln (mit den drei Töchtern)
Galerie Meiborssen/ Steintor Verlag Rudolf Jüdes

1980 Parkgalerie Witten

1984 Orangerie Herrenhausen, Hannover (mit den drei Töchtern und der Ehefrau Hella)

1985 Künstlergilde Esslingen

1988 Galerie Kühl, Hannover

1990 Präsentation der Edition Lebensretter in der Galerie Kunst der Zeit, Leipzig

1991 desgleichen in Weimar

1991 Xylon-Museum, Schloss Schwetzingen

2010 Galerie Lortzingart, Hannover

2010 und 2012 Burgdorf, Kulturverein Scena

2012 und 2014 Café Alte Posthalterei, Syke

2014 Kunsthaus am Schloss, Mirow

2015 Autohaus Vorbeck, Wentorf bei Hamburg

2017 Schloss Reinbek bei Hamburg

 

Ausstellungsbeteiligungen
(einmalige und mehrfache Beteiligungen)

Böttcherstraße Bremen

Kunsthalle Baden-Baden

Galerie Gurlitt, München

Galerie Kühl, Hannover

Kunstverein Schwetzingen

Rheinisches Landesmuseum Bonn

Galerie Meiborssen im Steintor Verlag Rudolf Jüdes

Haus der Kunst, München

Künstlergilde Esslingen

Xylon, Schweiz

„Contemporary prints of Germany in Corvallis”, Oregon/ USA

Biennale in Pistoia/Italien

Galerie Internationale New York

Graphikbiennale in Biella/ Italien

Antiquitätenmesse München, Galerie Kühl

Antiquitätenmesse Hannover, Galerie Kühl

Galerie Gurlitt, München

The Leigh Gallery, Chicago

Murphy Hill Gallery, Chicago

 

Quellen: Rudolf Jüdes/ Erich Zschau

Scharniertheater Hannover, Auswahl

1969 Hannover, „Aspekte“ zur Eröffnung der Kunstausstellung von Hella und Hans-Ulrich Buchwald im Künstlerhaus Hannover

1970 Braunschweig, „Kommen und gehen” von Samuel Beckett, unima Braunschweig, Regie: Hartmut Forche
Braunschweig, „Puppe und Mensch“, 5 Sätze von Anton von Webern, Choreografie: Richard Adama

1971 Hannover, Funkhaus Hannover, kleiner Sendesaal, Figuren und Masken

1973 Hannover, „Die wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone“ von L. Tieck mit Liedern von Johannes Brahms, Musikhochschule Hannover

1977 Berlin, Haus am Lützowplatz, Ausstellung figürlicher Terrakotten der Familie Buchwald, Eröffnung mit Puppen und Masken (Fernsehaufzeichnung)

1976/77 Bochum, „Der Bauer Gidius von Ham“, ein Märchen von J.R.R. Tolkien, anlässlich der FIDENA

1978 Hannover, „Verlobung unter der Laterne“ von Jacques Offenbach, Musik: Niedersächsisches Kammerorchester

1978/79 Hannover, „Das geraubte Bärchen“, Kindertheater, Idee und Text: Gundel Zschau-Buchwald

1979 Hannover, „Die sieben Todsünden“, Dramatisierung und Masken: Luise Buchwald, Regie: Hans-Ulrich Buchwald, Musik: Manfred Kühn

1981 Hannover, „Schorsenbummel“ zur Eröffnung der Fußgänger- und Flanierzone Georgstraße, „die Scharnierlinge“
Helsinki, Einzelaktion mit Rentiermaske, mit Didi Hallervorden auf dem IBM-Kongress in Helsinki

1983 Hannover-Herrenhausen, Barockbühne, „Zirkus Scharnierelli“, Regie: Bettina Vahlbruch 

1984 Hannover, 15-jahriges Jubiläum des Scharniertheaters in der Orangerie Herrenhausen

seit 1983 regelmäßige Beteiligung am Kleinen Fest im Großen Garten, Hannover-Herrenhausen

1990 Hannover, „Keltenvisionen von Gundestrupp“, Regie: Jean Soubeyran, Musik: Willi Vogl
Hannover, Fest in der Oper „Tanz in vielerlei Gestalt“, „Ball der Tiere“, Regie: Heide Schwochow, Pantomime: Jean Soubeyran

1991 Schwetzingen, „Das königliche Spiel“, Schachfiguren von Hans-Ulrich Buchwald

1991 Federleichte Vogelpantomime zum Bürgerfest der deutschen Einheit

Quelle: Rudolf Jüdes

Hannelies Taschau, Verworrene Route, Gedichte mit 4 Original-Gummischnitten von H.-U. Buchwald, Verlag Eremiten-Presse, Stierstadt Taunus 1961-62

Hans-Ulrich Buchwald, Ausstellungskatalog des Märkischen Museums Witten, 1964

Hans-Ulrich Buchwald, Ausstellungskatalog der Galerie Internationale, New York, 1974

Hans-Ulrich Buchwald „Graphik“, mit einer Einführung von Rüdiger Joppien, Druckhaus Quensen KG, Lamspringe 1974

Buchwalds figürliche Terrakotten, Katalog der Terrakotten von Hans-Ulrich, Hella, Marianne und Luise Buchwald und Gundel Buchwald-Zschau, Druckhaus EA Quensen KG, Lamspringe 1975

Who is Who in the Art, München - Ottobrunn 1975

Xylon 36, Sondernummer, Zürich 1976

Begegnung, Gedichte von Hans-Joachim Haecker zu Keramiken und Holzschnitten von Hans-Ulrich Buchwald, Graphikum Dr. Heinrich Mock, München 1978

G. Reineking von Bock, Keramik des 20.Jahrhunderts/Deutschland, München, Keyser 1979

Art, internationaler Katalog zeitgenössischer Kunst, Rimeco Editioni, Milano 1980

Im Spiegel, Gedichte von Hans-Joachim Haecker zu Holzschnitten von Hans-Ulrich Buchwald, Verlag Graphikum Dr.Mock, Nachf.I.M. Kurtz, Bovenden 1981

Scharniertheater Hannover, Hella und Hans-Ulrich Buchwald, Verlag Puppen und Masken, Frankfurt 1982

W. Beuermann: Hans-Ulrich Buchwald, Nobilis Juni/Juli 1984, Hannover

Hans-Ulrich Buchwald: Holz-und Linolschnitte (das schwarze Buch), mit einer Einführung von Ludwig Schreiner und einem Beitrag von Rudolf Lange, Arte Factum Verlagsgesellschaft mbH, Nürnberg 1987

Hans-Ulrich Buchwald, Rudolf Jüdes, 1991 Edition „libris artis“ im Verlag Th. Schäfer, Hannover, herausgegeben vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur

Keltenvisionen –ein Maskenspiel- Scharniertheater Hannover, Frankfurt am Main: Puppen und Masken 1992

Hans-Ulrich Buchwald – Aquarelle und Zeichnungen, Erich Zschau, 2011, Einhorn Presse Verlag, Hamburg

Quelle: Rudolf Jüdes/ wikipedia (Erich Zschau)

Eröffnungsrede (gekürzt) zur Ausstellung „Hans–Ulrich Buchwald“ im Reinbeker Schloss, 22. 1. 2017
Rüdiger Joppien

(...) Buchwald wurde 1925 in Breslau geboren. Das Interesse an der Kunst war ihm in die Wiege gelegt, denn sein Vater war ein Freund des Brücke-Künstlers Otto Müller gewesen und sammelte dessen Werke. Im Alter von 17 Jahren wurde Buchwald zur Wehrmacht eingezogen, Jahre der Gefangenschaft schlossen sich an, aus der er erst 1947 wieder entlassen wurde. Die geflüchtete Familie und er fanden sich 1948 in Hameln wieder. Aus diesem Jahr stammen die ersten erhaltenen Kunstversuche des jungen, inzwischen 22-jährigen Buchwald. Kunstfreunde unterstützten ihn, ermöglichten ihm erste Reisen. 1950 bis 52 studierte Buchwald bei Prof. Erich Rhein an der Werkkunstschule Hannover und wurde dessen Meisterschüler. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Ölgemälde und eine große Anzahl von Aquarellen. Hinzu kamen erste Holz- oder Linolschnitte. 1956 heirate Buchwald die Malerin Hella Feyerabend und ließ sich mit ihr und Tochter Gundel in Hannover nieder. 

(...) Wie viele Künstler der Nachkriegsjahre, die infolge Nazi-Zeit und Gefangenschaft bisher kaum Gelegenheit gehabt hatten, mit moderner Kunst in Berührung zu kommen, suchte auch Buchwald nach Orientierung. Welchen Anregungen würde er folgen? (...)

Aquarellmalerei war preisweiter als das Malen in Öl. Aber sie entsprach auch dem Bedürfnis nach Spontanität. Buchwald reizte es, Eindrücke möglichst schnell und authentisch wiederzugeben, und dies umso mehr, als er sich früh und häufig aufs Reisen verlegte und in Ländern wie Schweden, Frankreich Italien, später auch mehrfach in Marokko, unzählige aquarellierte Bilder schuf. Die Aquarellmalerei fungierte wie ein Tagebuch, um die Flut der visuellen Eindrücke einzufangen.

Die Liebe zum Aquarell hat Buchwald sein Leben nicht losgelassen. Am Anfang hatte er noch die Naß-in Naß-Malerei angewandt, bei der, wie in den Blättern Emil Noldes, die Farbflächen ineinanderlaufen, doch bald ökonomisierte er seinen Malstil, indem er die Farben kontrolliert separat gegeneinandersetzte und dabei das Weiß des Untergrundes mit einbezog. Klees und Mackes Bilder von der Tunisreise könnten ihm dabei ebenso eine Inspiration gewesen sein, wie die Blätter von Raoul Dufy oder Julius Bissier. In seinen Aquarellen näherte sich Buchwald der abstrakten Malerei, ohne diese allerdings konsequent anzuwenden, denn er wollte in der Welt des Gegenständlichen bleiben. Damit entsprach er einer weitverbreiteten Praxis der Malerei der 50er und 60er Jahre, die sich  u. a. an der expressionistischen Malerei der Künstler der Brücke und des Blauen Reiters orientierte, die aber heute leider, da wir der abstrakten Kunst und dem Informel den Vorzug geben, weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Dass die Bild-Zeugnisse jener Jahre aber eine höchst kultivierte Malkultur repräsentierten, ist heute fast vergessen und muss erst noch wiederentdeckt werden. 

Buchwald hat den leichten, duftigen Farbauftrag gelegentlich auf seine Ölgemälde übertragen.(...) Darstellungen von Tieren im Zoo waren in den 50er und 60er Jahren sehr beliebt, auch in der Photographie und in der Plastik, man denke z.B. an den Hamburger Bildhauer Hans Martin Ruwoldt. Als sich den Künstlern noch nicht so viele Möglichkeiten zum Reisen boten wie heute, war der Zoo ein ideales Biotop, um Künstler zu inspirieren.  

Buchwald hat seine Liebe zur Tierwelt auch in seine Holz- und Linolschnitte übertragen, die ab 1956 vermehrt seine künstlerische Arbeit beherrschten. In eben dem Jahr trat Buchwald eine Tätigkeit als technischer Zeichner am Niedersächsischen Landesmuseum an, was ein Glücksfall war, da Buchwald in den Museums-Werkstätten seine zunehmend großformatigen Schnitte auf Bütten, Japan oder Vliseline drucken konnte. Weit mehr als 300 Linol- und Holzschnitte entstanden über die Jahre. Sie ließen ihn auch nach 1980 nicht los, als Buchwald den Dienst im Staatsdienst quittierte, um als freier Künstler weiter zu leben. 

Hatte die Aquarellmalerei noch den flüchtigen farbigen Impressionen gegolten, so tauchte Buchwald mit seiner schwarz-weißen Druckgraphik in eine andere Welt ein. In ihr trat er als Beobachter seiner menschlichen Umwelt hervor. Sprach aus seinem Aquarellwerk noch der Lyriker, so war es jetzt der Dramatiker, der Szenen des Alltags beschrieb: Menschen auf der Straße, in der Straßenbahn, im Auto, im Krankenhaus, oder in den vier Wänden der eigenen Wohnung, beim Sport oder bei der Büroarbeit. Dabei beobachtete Buchwald die Menschen wie in einer Comédie Humaine, mit Nachsicht, gelegentlich aber auch mit unterschwelliger Satire: Da gibt es das alte Paar am Fenster, das im Fensterrahmen erstarrt, die Olmypioniken, der sich mit einem Hasen und  fliegenden Tauben ein Wettrennen liefern, oder eine komische Alte mit einem Hut auf dem Kopf, den ein Katzenbalg ziert. Etwas schärfer nimmt Buchwald die Vertreter der Bürokratie in den Blick, wenn er z.B. einen Büroangestellten vor der Schreibmaschine mit einem Wolfskopf versieht, diesen als ein menschlich-tierisches Wesen darstellt. Hybride Mischwesen sind Teil uralter Legenden und Sagen, denken wir z.B. an den Minotaurus, jenes stierköpfige, Jungfrauen mordende Wesen im Labyrinth von Knossos, das erst durch die List der Ariadne und den Helden Theseus besiegt werden konnte. Picasso, Buchwalds Säulenheiliger, hatte dem Minotaurus einen Radierzyklus gewidmet, den Buchwald mit Sicherheit gekannt hat. Picasso, der aus einem Fahrradelenker einen Stierkopf erschuf, wurde von Buchwald als ein Meister der Metamorphose verehrt. Menschen wurden schon in der Antike durch tierische Eigenschaften charakterisiert. (...)

Buchwald hat im zunehmenden Maße in den 60er und 70er Jahren in seiner Graphik tierköpfige Wesen verarbeitet, wobei allerdings nicht immer klar zu entscheiden ist, ob er darin satirische Botschaften versteckte oder, wie etwa in seinen Darstellungen von Sportarenen oder Massageräumen, männliche Vitalität glorifizierte. Tiere treten hinter Zirkuskäfigen auf, werden von Dompteuren beherrscht, - Darstellungen von parabelartigem Charakter. 

Bemerkenswert an Buchwalds großen Linolschnitten ist neben deren z.T. gigantischen Formaten auch die Inszenierung der Handlung. Letztere spielt häufig vor einer bühnenartigen Rückwand, die Buchwald gerne ornamental gestaltete. Oder er bedient sich eines Gehäuses, eines abgeschirmten Raums oder eines Käfigs, in die der Betrachter wie in eine Guckkastenbühne hineinschaut. Auch der von einer Zimmerdecke abgesenkte Blick in ein Schlafgemach eröffnet eine beunruhigende Perspektive. Buchwalds ungewöhnliche Blickführung ist typisch für viele seiner Blätter. Pars pro toto verweise ich auf das Blatt „Der Verkehrsunfall“, das den Blick eines am Boden liegenden Verletzten simuliert, der den Blicken der ihn von oben beobachtenden Gaffer ausgesetzt ist. Unter den Zuschauern befinden sich wiederum einige mit Tiergesichtern.

Szenen wie diese lassen sich kaum in ein normales Rechteck bannen. Im konkreten Fall des Verkehrsunfalls hat Buchwald die Darstellung in zwei Kreisformen so auf das Papier gesetzt, dass der Bildraum offen bleibt und die Darstellung keine künstliche Begrenzung erfährt. In diesen Blättern kündigt sich ein Darstellungsprinzip an, das den rechten Winkel eines Bildes vermeiden will, - gemäß der Überzeugung Rudolf Steiners, der den 90 Grad Winkel als  Ausdruck einer Welt aus Zahlen und seelenloser Rationalität betrachtete und empfahl, diesen durch schräge Winkel, „appe“ Ecken, zu ersetzen. Buchwald hat diese Auffassung nicht nur in seinen Linolschnitten, sondern noch konsequenter in seinen späteren Gemälden, nach 1985, wieder aufgegriffen, indem er seine Rahmen den unregelmäßigen Formaten seiner Bildsujets anpasste, wodurch freiwinkelige, trapezförmige oder spitzwinkelige Einfassungen  entstanden. Ein solches Gemälde, mit der Darstellung einer gespiegelten Antilope, begegnete uns bereits auf der Einladung zur heutigen Ausstellungseröffnung. Sein Rahmen ähnelt dem Umriss eines Stundenglases und könnte somit auf die verrinnende Zeit und Vergänglichkeit alles Irdischen anspielen, was in traditionellen Stillleben immer mitgedacht wurde. Buchwald kam es immer darauf an, seine Darstellungen bewusst für vielfältige Interpretationen offen zu halten. Fingerzeige und Lehrmeisterei waren ihm fremd, vielmehr wollte er die Dinge in der Sphäre der Fantasie belassen. Auch wenn er zu manchen Phänomenen eine eigene Meinung hatte, lag ihm nicht daran, andere zu korrigieren. Das war wohl das Erbe seiner Waldorfschulzeit. 

Spiel und Fantasie waren Buchwald lebenswichtig; er setzte diese nicht allein in der Kunst, sondern auch im täglichen Leben ein. Für seine Kinder schuf er z.B. herrliche, aus Holzklötzen bestehende, angemalte Tiere und Figuren, von denen ich 2010 einige in die Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe übernehmen konnte. Leider ließen sich diese für unsere Ausstellung nicht ausleihen. Stellvertretend werden Sie aber eine Vitrine sehen, die viele kleine Figuren und ein Steckspiel aus verschiedenen Akrobaten aus ausgesägten und bemalten Sperrholzplatten enthält. Gerade Buchwalds Spielzeugelemente zeigen, wie leicht es ihm fiel, zu spielen oder gänzlich unangestrengt Dinge zum Spielen zu erfinden. Er war der geborene Homo Ludens, der Mensch, der sich erst im Spiel verwirklicht. 

Kurz nach den um 1960 entwickelten Spielsachen wechselte Buchwald in ein neues Metier. Er baute Figuren und Gegenstände aus figürlicher Keramik. Dazu verbrachte er alljährlich einen Monat im Sommer in einer alten Blumentopffabrik in Duingen im Solling, einem Ort, der seit dem 18. Jahrhundert für seine Steinzeugproduktion bekannt war. Eine andere Firma lieferte Buchwald Rohlinge für Tonröhren, die er befeuchtete, zerschnitt und anschließend zu neuen Figuren seiner Fantasie zusammensetzte. Die so geschaffenen Figuren und Gefäße wurden mit Engoben bemalt und in der Blumentopffabrik zurückgelassen, um nach den Sommerferien, wenn die Belegschaft zurückkehrte, gebrannt zu werden. Während eines Zeitraums von sieben Jahren sind auf diese Art mehrere hundert Figuren entstanden, darunter auch ein majestätisch sitzendes Paar, das Buchwalds Bewunderung für etruskische Grabplastik zum Ausdruck bringt. Mit vier weiteren Figuren befindet sich dieses in unserer Ausstellung. Es sind die letzten im Besitz der Familie erhaltenen keramischen Arbeiten. Die meisten Figuren sind in Privatsammlungen gewandert, nachdem eine der ersten Figuren, ein Motorradfahrer, von der Niedersächsischen Landesgalerie Hannover angekauft worden war. Die Kölner Kunsthistorikerin Gisela Reineking von Bock hat in ihrem Standardwerk „Keramik des 20. Jahrhunderts in Deutschland“ (München 1979) darauf hingewiesen, dass Buchwalds Plastiken in der keramischen Szene Deutschlands ohne Vergleich und Beispiel seien. Für Buchwald Sonderstatus als Keramiker spricht auch, dass die hannoversche Kestner-Gesellschaft, ein Hort der hohen bildenden Kunst, 1974 ihren Mitgliedern eine seiner Keramiken als Jahresgabe anbot.  

Als ich Buchwald einmal fragte, wie er es schaffe, immer wieder mit neuen Materialien zu arbeiten, antwortete er mit einem Zitat Picassos. Dieser habe gesagt, wenn ihn eine Arbeit ermüde, wende er sich einer anderen in einem anderen Material zu, weil ihn das wieder erfrische. Ein Satz, den ich mir in meinem Leben hinfort selbst mehrfach vor Augen geführt habe. 

Buchwalds ständiger Material- und Themenwechsel mündete 1969 in die Herstellung von Masken, Klappmasken, anfänglich aus Pappe, später aus Draht und Stoff, in übernatürlicher Größe, die dazu bestimmt waren, von Schauspielern in schwarzen Trikots auf einer schwarzen Bühne getragen zu werden. Teile des Kopfes, wie z.B. Ohren, Augenlider oder der Mund konnten von den weitgehend unsichtbaren Maskenträgern durch einen ausgeklügelten Drahtzug bewegt werden und so dem Spiel physiognomischen Ausdruck verleihen. Buchwald, der Theaterpraktiker, hatte Inspirationen des Schwarzen Theaters aus Prag aufgegriffen, um zweidimensionale Bilder in eine dritte Dimension zu übertragen. Buchwald nannte seine Erfindung „Scharniertheater“. Die erste Aufführung seines Theaters fand 1969 im Künstlerhaus Hannover statt. Die Aufführung wurde begeistert aufgenommen und von einigen Personen gesehen, die gerade für 1970 ein Internationales Festival des Puppenspiels in Braunschweig planten. Daraufhin wurde Buchwalds Maskenspiel außerprogrammmäßig nach Braunschweig eingeladen, wo es ebenfalls bewunderte Aufnahme fand, was wiederum dazu führte, dass das Scharniertheater anschließend in den „Westermanns Monatsheften“ vorgestellt wurde. Ein Einstand nach Maß. Solcherart ermutigt, ging Buchwald, daran, neue Stücke in Angriff zu nehmen und weitere Masken zu bauen.  

(…) Ein Jahr später brachte Buchwald „Peter und der Wolf“ auf die Bühne und gastierte damit bereits in Bonn. Im gleichen Jahr 1971 inszenierten Gundel und Erich die „Revue Burlesque“ zur Musik von Pink Floyd. 1973 wurde in der Hannoverschen Musikhochschule nach der Musik von Johannes Brahms Ludwigs Tiecks „Liebesgeschichte der Schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“ aufgeführt. Regie führte ein Ensemblemitglied des Niedersächsischen Staatstheaters, der Pantomime und Tänzer Jean Soubeyran, ein Schüler von Marcel Marceau. Damit war das Scharniertheater endgültig in Hannover angekommen. (...)

Im Kulturamt der Stadt Hannover war man auf die Qualitäten des Scharniertheaters längst aufmerksam geworden. Denn es gab Gastspiele auch außerhalb Hannovers, und seine Produktionen wurden mehrfach vom NDR aufgezeichnet. (...) Buchwald konnte im Keller einer Grundschule riesige Räumlichkeiten beziehen, in denen er und inzwischen auch eine Reihe von Assistenten und Assistentinnen unter seiner Anleitung weitere Masken bauten. Ich habe diese Katakomben später einmal besucht, sie waren so weitläufig, dass man mit dem Fahrrad hindurch radeln konnte. 

1985 gelang dem Scharniertheater noch einmal ein großer Entwicklungsschritt, als es eingeladen wurde, alljährlich im Rahmen der Sommerfestspiele in den Herrenhäuser Schlossgärten aufzutreten. Auf einer großen Bühne bei Tageslicht zu spielen, bedeutete gleichzeitig einen Inszenierungswechsel, denn die Figuren und ihre Masken mussten auch noch in den hinteren Reihen des Freilichttheaters zu sehen sein. Buchwald vergrößere sie ins Monumentale und ließ sie zum Teil als Stockpuppen auftreten. 

1989 kam es mit dem Stück „Keltenvisionen“ zur wohl wichtigsten Aufführung in der Geschichte des Scharniertheaters, einem Maskenspiel in 12 Bildern, das von Göttern und Helden der keltischen Mythologie handelte. Das Stück basierte auf plastisch getriebenen Masken und Figuren auf einem 1891 in (Gundestrup) Jütland gefundenen keltischen Silberkessel, der sich heute im Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen befindet und der der Forschung auf Grund seiner geheimnisvollen Darstellung  bis heute Rätsel aufgibt. Buchwald war auf diesen 8 ½ kg schweren Silberkessel aus vorchristlicher Zeit schon in den 60er Jahren aufmerksam geworden und hatte seitdem auf eine künstlerische Umsetzung gesonnen. Was hatten die Köpfe und Figuren zu bedeuten, welche Göttersagen oder Heldentaten stellten sie dar? Buchwald wagte sich mit den Mitteln der Imagination an eine Deutung des mythologischen Stoffs, ließ ein Libretto schreiben und eine Musik komponieren. Die Aufführung, die mehr als 100 Masken zum Einsatz brachte, wurde ein großer Erfolg. Die Aufführung wurde aufgezeichnet, ein Buch erschien, das die Bilderfolge dokumentierte. (...)

Buchwald hatte mir in einem frühen Gespräch bekannt, dass ihn die Kunst der „Primitiven“, wie er sie nannte, seit jeher fasziniert habe. Damit meinte er nicht nur Bildzeugnisse aus frühgeschichtlicher Zeit, sondern auch Kunstwerke sogenannter Naturvölker. Aus diesem Interesse heraus konzipierte er für die Expo in Hannover im Jahr 2000 ein Maskenspiel, das die Kunst außereuropäischer Völker, der Azteken, der Aborigines, der Völker Afrikas und Javas umfassen sollte. Infolge widriger Umstände wurde diese Aufführung aber nie realisiert.

Buchwald hat in seinen letzten Lebensjahren immer weiter Masken gebaut. Im Jahr 2006, als ich im Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung „Entfesselt“ durchführen konnte, kam es auch in Hamburg, am 14. Mai 2006, im Spiegelsaal des Museums unter dem Titel „Überspannt und auf Draht“ zu einer unvergesslichen Aufführung, die von Gundel und Erich Zschau eingerichtet wurde. Mit Buchwalds Tod im Jahr 2009 verlor das Scharniertheater seinen spiritus rector, gleichwohl lebt es heute unter anderer Regie, in Hannover als Theater für Kinder fort.  

Hans-Ulrich Buchwald hat dem Scharniertheater 40 Jahre seines Lebens gewidmet. Spiel, Theater, Pantomime, Tanz und Musik waren ihm wichtige Äußerungen seines künstlerischen Tuns. Ihm war das Spiel ein lebendiges Bedürfnis, keineswegs aus Zeitvertrieb, sondern als Ausdruck von Verwandlung, als Metamorphose, um schöpferische Kräfte im Menschen freizulegen. Buchwald wollte mit seinem Spiel Menschen erreichen, sie in das Reich der Fantasie entführen, wobei er selbst nie auf der Bühne stand, sondern nur die Mittel dazu bereitstellte. In dieser Hinsicht war er selbstlos, ja demütig. Er wollte anderen Menschen Vergnügen bereiten, wie die großen Clowns, wie ein Charlie Chaplin oder ein Marcel Marceau. Menschen, die dafür leben, anderen Menschen Freude zu bereiten, sind heute eine nahezu vernachlässigte Spezies. Doch ich denke, wir sollten ihnen aufmerksam zuhören, ihnen zusehen und sie ehren.

 

 

(Auswahl) archiviert bei Gundel Zschau-Buchwald, Berlin

Fotos:
Papierbilder vom Scharniertheater Hannover, von den freiwinkligen Bildern, Aquarellen, Ölgemälden
digitale Bilder bei Juliane Altenburg, Berlin

 

Kataloge und Bücher (chronologisch)

Hans-Ulrich Buchwald, Ausstellungskatalog der Galerie Internationale, New York, 1974

Hans-Ulrich Buchwald Graphik, mit einer Einführung von Rüdiger Joppien, Druckhaus Quensen KG, Lamspringe 1974

Buchwalds figürliche Terrakotten, Katalog der Terrakotten von Hans-Ulrich, Hella, Marianne und Luise Buchwald und Gundel Buchwald-Zschau, Druckhaus EA Quensen KG, Lamspringe 1975

Xylon 36, Sondernummer, Zürich 1976

Begegnung, Gedichte von Hans-Joachim Haecker zu Keramiken und Holzschnitten von Hans-Ulrich Buchwald, Graphikum Dr. Heinrich Mock, München 1978

-Xylon- Ausstellungsbroschüre, vertreten mit 1 Grafik, Haus Hirsch, Schwetzingen, Schlossplatz  1981 

Im Spiegel, Gedichte von Hans-Joachim Haecker zu Holzschnitten von Hans-Ulrich Buchwald, Verlag Graphikum Dr. Mock, Nachf. I. M. Kurtz, Bovenden 1981

Scharniertheater Hannover, Hella und Hans-Ulrich Buchwald, Verlag Puppen und Masken, Frankfurt 1982

Kataloge:
Große Kunstausstellung München 1977/ 79/80/81/83/87, Haus der Kunst, vertreten mit  Grafiken

NOBILIS Oktober 1990, NOBILIS Juni/Juli 1984, Hannover

Hans-Ulrich Buchwald: Holz-und Linolschnitte (das schwarze Buch), mit einer Einführung von Ludwig Schreiner und einem Beitrag von Rudolf Lange, Arte Factum Verlagsgesellschaft mbH, Nürnberg 1987

Hans-Ulrich Buchwald, Rudolf Jüdes, 1991 Edition „libris artis“ im Verlag Th. Schäfer, Hannover, herausgegeben vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur

Keltenvisionen –ein Maskenspiel- Scharniertheater Hannover, Frankfurt am Main: Puppen und Masken 1992

Hans-Ulrich Buchwald – Aquarelle und Zeichnungen, Erich Zschau, 2011, Einhorn Presse Verlag, Hamburg

Ansonsten: Programmhefte Scharniertheater Hannover, Plakate, Flyer, Leporellos

Autorin:  Juliane Altenburg, Quelle: Rudolf Jüdes

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