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Ralph Kull

Es sind gerade die letzten Arbeiten, in der sich Kulls Malerei deutlich ihrer Eigenschaften versichert. Sie trägt die Züge des Uneigentlichen, wirkt introvertiert, dreunend, lyrisch, polternd, ist dabei geschmeidig und tut als ob – ein gemaltes 'Nicht-Malen'. Bilder als Wegweiser zum 'glauben müssen' an die unausweichliche Transformation einer ständig gleichen Welt. Es geht um den abstrakten Kern seiner persönlichen Geschichte, die auf das Allgemeine verweist: Im Malen Ideen verdichten – Gegenstand, Widerstand werden lassen. Wie ein gebrochener Spiegel, vielleicht Kaleidoskop, versuchen sie keinen neuen Entwurf, sondern eine mögliche Summe zu präsentieren. So malt er mit dem Zweifel und der Gewissheit des Scheiterns, um im Ergebnis noch einmal den Augensinn zu betören, gleichzeitig mit offener Struktur, die das Werk erfahrbar werden lässt und sich fragt: 'wie weit muss ich zurück, um noch einmal zu verlieren, was schon verloren ist'.

Aus dem Katalog zur Biennale Worpswede, Oktober 2018

1954 in Bremen geboren

1968–71 Ausbildung zum grafischen Zeichner

1979–83 Studium an der Hochschule für Kunst, Bremen bei Prof. Rolf Thiele

seit 1983 freischaffend tätig

lebt und arbeitet in Hannover


Preise / Stipendien / Lehre:

1983–85 Villa Minimo Preis des Kunstvereins Hannover

1985 Reisstipendium des Alexander Dorner Kreises für London, GB

1985–86 Jahresstipendium des DAAD für Paris, F

1988 Nachwuchsstipendium des Landes Niedersachsen

1988–89 Stipendium der Barkenhoff Stiftung, Worpswede

1989–90 Lehrauftrag an der Hochschule für Künste Bremen (experimentelle Architektur)

1992–94 Lehrauftrag an der Fachhochschule Hannover (mit Rolf Bier)

1993 Jahresstipendium Niedersachsen

1993/94 Gastprofessur an der Hochschule für Künste, Bremen (Grundlehre)

1996 Gastdozent an der Bundesakademie, Wolfenbüttel

Auswahl

1982 Herbstausstellung niedersächsischer Künstler, Hannover

1983 Vier aus Hamburg, Vier aus Bremen, GAK, Bremen und Kampnagelfabrik, Halle 27, Hamburg

1984 Galerie Kö 24, Hannover (Künstler der Villa Minimo)

Herbstausstellung niedersächsischer Künstler, Hannover

Kunstlandschaft Bundesrepublik, Kunstverein Herford und Alter Bahnhof Baden-Baden

1985 Arbeiten auf Papier, Galerie Beim Steinernen Kreuz, Bremen (mit Viktoria Diehn)

Kunstverein Hannover (mit Rüdiger Barharn und Klaus Müller)

Prisma '85, 33. Jahresausstellung Deutscher Künstlerbund, Hannover

1986 Herbstausstellung niedersächsischer Künstler, Hannover

1987 Dunkle Paradiese, Galerie Barz, Hannover (Einzelausstellung)

Exhibition Center, Bristol, England

TOR, Kunstverein Wolfenbüttel (Einzelausstellung)

1988 36. Jahresausstellung Deutscher Künstlerbund, Stuttgart

Kunstverein Herford (mit Viktoria Diehn)

1989 Die Letzte tötet und heilt, Heiligabend 89, Gesellschaft zur Ausgestaltung des Westens (mit Siegfried Pietrusky)

Galerie Barz, Hannover (Einzelausstellung)

1990 Herbstausstellung niedersächsischer Künstler, Hannover

Subkutan, Galerie Gruppe Grün, Bremen (Einzelausstellung)

Transreal, Galerie Dr. Holger Ehlert, Düsseldorf (Einzelausstellung)

1991 Kunstfrühling bbk-Bremen, Eislaufhalle Bremen

1991 Verlassene Grenzen, SI Halle AG Weser, Bremen (mit Bert Haffke)

1992 KX Kunst auf Kampnagel, Hamburg (mit Rolf Bier und Michael Hirschfeld)

Leuchtstoff, Galerie Barz, Hannover (mit Bert Haffke)

1993 Grenzgänger der Kunst, Forum Langenstraße, Bremen

Preis des Kunstvereins Hannover, 10 Jahre Villa Minimo

1994-95 Junge Kunst aus Niedersachsen

Deutsches Konsulat, New York, USA (mit Sabine Straßburger)

1995 SOLL und HABEN, Galerie Gruppe Grün, Bremen (Einzelausstellung)

1996 :was bleibt, Kubus Hannover (mit Rüdiger Barharn)

1997 Kunstverein Ganderkesee (mit Bert Haffke und Wulf Sternebeck)

1998 [untitled], Kunstfrühling bbk-Bremen, Güterbahnhof Bremen

2000 RegionalExpress, Studienzentrum, Neues Museum Weserburg Bremen

wallstreet, Teerhof 20d, Neues Museum Weserburg Bremen

2001 8. Triennale der Kleinplastik, Fellbach

2002 Herbstausstellung niedersächsischer Künstler, Hannover

Kunst an der Schlachte, Bremen (mit Bert Haffke)

2008 Preis des Kunstvereins Hannover, 25 Jahre Villa Minimo, KV Hannover

2012 Impulsus artibus, movens homines, Worpswede, zeitgenössische Kunst zum Vogeler-Jahr 2012 (mit Viktoria Diehn)

2014 Schrift im Bild, Galerie vom Zufall und vom Glück, Hannover

2015/16 4712, Hohenzollernstraße 47, Hannover

2016 Galerie Falkenberg, Hannover (Studioausstellung)

2018 Fragment, Galerie vom Zufall und vom Glück, Hannover (mit Ulrich Wagner)

Kunst- und Filmbiennale Worpswede

und auch die Bäume, Haus am Wasser, Bremen-Nord (Einzelausstellung)

 




Arbeiten im öffentlichen Raum

1991/92 Balance, Sequenz von 9 Arbeiten, Bundesverwaltungsamt Friedland (mit Viktoria Diehn und Bert Haffke)

1993/94 Polyklet, 2 Bronzestelen, Marineanlage Bordum, Wilhelmshaven

1999/2000 Teilung, 1 Bild 9 Teile, Polizeipräsidium Bremen

1999–2006 glauben müssen, interaktives Webprojekt

2000 Universität Bremen GW II, Hörsaal der Juristen

2001 Wege zur Weser, 5 Schriftzüge in Woltmershausen

1983 Vier aus Bremen, Vier aus Hamburg, GAK Bremen und Kampnagelfabrik Hamburg

1985 Kunstlandschaft Bundesrepublik

Preis des Kunstverein Hannover, Text Peter Rautmann (Einzelkatalog)

1990 Flut, 7 Blätter, Literatur aus Bremen, Stint Nr. 7

Profile Impulse IV, Stipendiaten des Landes Niedersachsen

Subkutan, Galerie Gruppe Grün, Bremen (Einzelkatalog)

Verlassene Grenzen, AG Weser Bremen (Künstlerbuch mit Bert Haffke)

1992 Balance, Dokumentation Bundesverwaltungsamt Friedland

Barkenhoff Stipendiaten 1987–1991

1993 Kunstforum Nord 6, Grenzgänger zwischen den Künsten, Bremen

Preis des Kunstvereins Hannover, 10 Jahre Villa Minimo, Text Rolf Thiele

1994 Bestände, Sammlung des Niedersächsischen Sparkassen- und Giroverbandes

Junge Kunst aus Niedersachsen, Text Thomas Deecke

1995 SOLL und HABEN, Galerie Gruppe Grün, Bremen (Einzelkatalog)

1998 [untitled], Kunstfrühling 1998, bbk-Bremen, Abb. und Texte

1999 BauArt, Künstlerische Gestaltung staatl. Bauten in Niedersachsen von Ludwig Zerull

2000 Bremer Kunst, Polizei, Städtische Galerie im Buntentor

2001 8. Triennale Kleinplastik Fellbach 2001, Text Rolf Bier

2002 30 Jahre Galerie Gruppe Grün, Bremen

Glauben müssen, CD und Katalogbooklet

2008 25 Jahre Preis des Kunstverein Hannover

2012 Galerie Village, Worpswede (Internetdokumentation)

2018 Dunkle Paradiese II, Galerie vom Zufall und vom Glück, Hannover, Text Giso Westing (Einzelkatalog)

„Der strikten Immanenz des Geistes der Kunstwerke widerspricht allerdings eine nicht minder immanente Gegentendenz: die, der Geschlossenheit des eigenen Gefüges sich zu entwinden, in sich selbst Zäsuren zu legen, die Totalität der Erscheinung nicht länger zu gestatten.“ Dieser Satz Adornos kann als Begründung einer das Fragment anvisierenden Haltung gelesen werden, der sich Ralph Kull schon am Anfang seiner Kunstpraxis anvertraut hat. So hat er den einheitlichen Bildraum vermieden, und wenn er diesen sich dennoch gestattete, hat er ihn mit heterogenen Elementen durchsetzt. Er sagt „Inhaltlich verwende ich oft Versatzstücke, selten wächst ein Bild aus einem einheitlichen Grund hervor, ich versuche damit die Geschlossenheit zu verweigern, die Möglichkeit des Hinzudenkens des Betrachters ist mitgemeint.“ So wird die Immanenz zur Transzendenz, weil das Fragment anerkannt wird. Denn indem das Offene dem Geschlossenen vorgezogen wird, findet Erweiterung statt.

Adorno unterscheidet, indem er von Wahrhaftigkeit spricht, statt von Wahrheit. In der Wahrhaftigkeit drückt sich der Prozess als das Ringen um den Gedanken aus – im Gegensatz zur einfachen, behauptenden Setzung. Kull spricht offen von Versatzstücken, wobei er nicht das beliebig einsetzbare Modul meint, sondern wirklich das Stück,  als das Einzelne, das sich versetzen lässt, um dann im neuen Zusammenhang in einer erweiterten Bedeutung zu schimmern. Der Begriff ist wie ein Prisma, durch das das Denken wie ein Lichtstrahl fährt, um die Brechungsfarben freizulegen. Auch diese Metapher für das reflektierende Bewusstsein ist ein Gedanke Adornos.

Der Ansatz von Ralph Kull ist darin mit der Romantik verbunden, weil er ein gebrochenes Verhältnis oder die Brüchigkeit der Verhältnisse zum Ausdruck bringt. Er übt Kritik, indem er einen vehementen Grundzweifel anmeldet – nämlich den am Handeln überhaupt. Egal, was wir beabsichtigen, wir sind immer in einem Schuldzusammenhang, weil wir mit jeder Handlung einen bestehenden Zusammenhang brechen, um wiederum einen neuen zu setzen. Und das bedeutet jedes Mal einen Eingriff, sowohl im individuellen Handeln als noch krasser im kollektiven Handeln. Dazu äußert sich Ralph Kull sehr konkret, wenn er schreibt: „ (…) es ist eher ein angestauter Ekel an der Welt, die sich nicht wandeln will, und könnte so wiederum ein Vorbote sein. Die Frage ist nur, wo diesmal der Weg hingeht, vielleicht zur Vereinnahmung des humanen Kapitals als Verbraucher.  Als vermeintlich Unschuldige verbrauchen wir die Ressourcen. Wachstum (des Verbrauchs) als einzige Idee des Spätkapitals.“ Das sind klare Sätze, aber so klar ist die Kunst von Ralph Kull nicht. Seine Werke beziehen zu viele gegensätzliche Momente aus der Kunst, als dass eine sichtbare, einfach ablesbare Aussage sich im bloßen Protest erschöpfte. Im Gegenteil, er weiß, dass einzelne Aussagen nichtig sind und die Welt darin nicht aufgeht. Deshalb erzeugt er über die einzelnen Elemente, die er Versatzstücke nennt, eine permanente Unsicherheit.

Ein kurzes Gedicht von ihm beschreibt den Prozess, dem sich das assoziative Denken unterzieht: „ da saß ich nun- an meinem Tisch und rang nach Atem- Hoppla- er war mir entglitten- der Sinn- das Eigentliche- einfach aus der Hand gerutscht-“ Mit leichter Ironie wird hier das Scheitern angesprochen als ein Umweg, der an sich ein produktives Element ist, das zu besserer Einsicht verhilft. Das Eigentliche lässt sich nur einkreisen, nicht abbilden oder darstellen. Die Arbeit am Eigentlichen ist eine Haltung, die sich sich selbst gegenüber nicht schont, oder, wie Thomas Bernhard immer wieder von der „Rücksichtslosigkeit des Geistes gegen sich selbst“ spricht. Diese Haltung ist das Bewusstsein des Prozessualen der Erkenntnis, die, wenn sie ein Abgeschlossenes ist, schon für sich verloren sein muss. Wir müssen den Widerspruch nicht nur zulassen, sondern ihn auch kühn aufsuchen. Die Kunst ist keine Formel, deshalb entzieht sie sich der klaren Definition. Sie ist chaotisch und präzise zugleich – wäre sie nur das Erstere, wäre sie beliebig, wäre sie nur das Letztere, wäre sie leer. Erst wenn sich die Subjektivität selbst zum Objekt wird, tritt die Reflexion ein als Kritik der Kritik, die ihre eigenen Fundamente bereit ist zu untergraben. Diese Unruhe ist Dynamik – jenseits des üblichen Geschreis nach Innovation ist sie Arbeit am Eigentlichen als am Wesentlichen.

Die Bilder von Kull sind ein Bekenntnis zu einer dunklen Romantik, denn sie sind ontisch und eschatologisch. Sie zeugen vom drängenden Bestreben nach Freiheit im doppelten Sinne: Die äußere, absolute Freiheit wäre, nicht sterben zu müssen. Damit wäre der Mensch göttlich. Die innere Freiheit wäre, sich vor dem Tod nicht mehr zu fürchten. Damit würde der Mensch seine Vergänglichkeit anerkennen. Die Kunst vermag diese Zustände in Gedanken zumindest zu evozieren, als eine konsequente Romantik in der negativen Utopie, die sich in der Verneinung erst zum Positiven wenden kann.

Giso Westing, Januar 2018

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