- Titel:
- Bunteskanzleramt
- Entstehungsjahr:
- 2019
- Künstler-/in:
- Karin Bison-Unger | Alle Werke
- Ort:
- Worpswede (Entstehung)
- Kategorie:
- Malerei
- Material:
- Plexiglas
Druckfarbe
- Technik:
- Mischtechnik
Digitaldruck
- Maße:
- Höhe: 53 cm
Breite: 70 cm
- Beschreibung:
- Eine der Schaltstellen für Zeitgeschehen und damit ein Zentrum der Politik ist das Bundeskanzleramt in Berlin.
Die Berliner Architekten (Axel Schultes und Charlotte Frank) haben mit dem Entwurf dieses Gebäudes ein Symbol geschaffen, das für ein offenes, vielfältiges und demokratisches Deutschland in der Mitte Europas steht. Die Architektur zeugt von Transparenz und Modernität. Hier bewältigt die Politik Geschehnisse des Alltags und fördert den Blick in die Zukunft.
" Meine Arbeit „BUNTESKANZLERAMT" symbolisiert die zahlreichen Facetten eines vielfarbigen Zeitgeschehens, dem sich diese Machtzentrale unseres Landes täglich neu stellen muss.
Zeitgeschehen bezeichnet gegenwärtiges Geschehen und aktuelle Ereignisse und wird in Abgrenzung zur Geschichte gebraucht. Während Geschichte die Vergangenheit beschreibt, versucht das Zeitgeschehen ein Bild der Gegenwart zu zeichnen. Dabei wandelt sich Gegenwärtiges bereits unmittelbar wieder in Vergangenes. Beide Begriffe, Zeitgeschehen und Geschichte, umreißen dabei ein interdisziplinäres Spektrum an Inhalten.
Durch Fragmente und Überlagerungen erzeuge ich diverse Blickwinkel auf die Fassade dieser außergewöhnlichen Architektur. Bunt ist das neue Grau."
BUNTESKANZLERAMT“ von Karin Bison-Unger
ist eine vielschichtige, zeitgenössische Mixed-Media-Digitallandschaft, die die markante, moderne Architektur des Berliner Bundeskanzleramts in ein dynamisches Farb- und Formenspiel auflöst.
Visuelle Struktur und Architektur
Zentrales Bauwerk: Im Hintergrund zeichnet sich die symmetrische Fassade des Kanzleramts ab. Deutlich erkennbar sind die charakteristische kubische Form, die weißen Betonstrukturen sowie die vertikalen Fensterreihen und Glasflächen.
Skulptur im Vordergrund: Nur noch schemenhaft und farblich integriert lässt sich im unteren Bereich fragmentartig die organisch geschwungene Silhouette der berühmten Eisenskulptur „Berlin“ von Eduardo Chillida erkennen, die real auf dem Ehrenhof steht.
Farbe, Textur und Abstraktion
Farbpalette: Das Werk lebt von einem Kontrast aus kühlen Blau-, Türkis- und Violetttönen und wärmeren Akzenten in zartem Rosa, Apricot und Gelb.
Dynamische Überlagerung: Diagonal verlaufende, fast futuristisch wirkende Linienstrukturen und abstrakte Pinselstriche brechen die rigide, geometrische Ordnung der Architektur auf.
Materialität: Der für die Künstlerin typische Mix erzeugt eine haptisch-sinnliche Oberflächenstruktur. Sie kombiniert fotorealistische Fragmente mit den fließenden, transparenten Eigenschaften von digitaler Malerei, was dem statischen Regierungsgebäude eine vibrierende Lebendigkeit verleiht.
Das Werk reflektiert meisterhaft das Spannungsfeld zwischen starrer politischer Institution und lebendiger, sich ständig verändernder Demokratie.
Das Kunstwerk „BUNTESKANZLERAMT“ lässt sich präzise in die zeitgenössische digitale Kunst (Digital Art / Mixed Media) einordnen, wobei es starke Einflüsse aus verschiedenen historischen und modernen Stilrichtungen kombiniert. Hier sind die zentralen Säulen der künstlerischen Zuordnung:
Stilrichtung und Strömung
Digitale Malerei und Mixed Media: Das Werk verschmilzt Fotografie mit malerischen, digitalen Schichten. Es nutzt die pixelbasierte Leinwand, um analoge Maltechniken (wie Lasuren und Spachtelstrukturen) elektronisch zu simulieren.
Architektur-Abstraktion: Die Künstlerin bricht die strengen Gesetze der Architekturfotografie auf. Das Gebäude dient nicht als reine Dokumentation, sondern als emotionaler und visueller Ausgangspunkt für eine freie Komposition.
Kunsthistorische Einflüsse
Futurismus und Dynamismus: Die diagonalen, messerscharfen Licht- und Farblinien, die das Bild durchschneiden, erinnern stark an den Futurismus des frühen 20. Jahrhunderts. Sie symbolisieren Geschwindigkeit, Energie und die Dynamik der modernen Zeit.
Abstrakter Expressionismus: Die emotional aufgeladene Farbwahl und die scheinbar spontanen, gestischen Überlagerungen spiegeln das intuitive Moment des expressiven Farbauftrags wider.
Pop Art (Neo-Pop): Durch die Verfremdung eines weltbekannten, realen Motivs (des Kanzleramts) mit grellen, fast psychedelischen Farben schlägt das Werk eine Brücke zur Pop Art, die Ikonen des öffentlichen Lebens neu kontextualisiert.
Philosophisch lässt sich das Werk „BUNTESKANZLERAMT“ über die reine Ästhetik hinaus als visuelle Reflexion über Macht, Zeit und die Natur der Demokratie deuten.
Die folgenden vier philosophischen Denkansätze bieten sich für die Interpretation an:
1. Staatsphilosophie: Die fluide Demokratie vs. die starre Institution
Das Symbol: Das Bundeskanzleramt steht für die Institution des Staates – fest, schwer, aus Beton gebaut, ein Symbol für Ordnung und Beständigkeit.
Die Interpretation: Karin Bison-Unger überflutet diese starre Architektur mit dynamischen Farben und diagonalen Linien. Philosophisch spiegelt dies die Idee einer „fluiden Demokratie“ wider. Der Staat ist keine starre, unveränderliche Einheit. Er wird durch den ständigen, bunten und oft chaotischen Diskurs der Gesellschaft (die Farben und Linien) permanent neu geformt und hinterfragt.
2. Erkenntnistheorie (Heraklit): Panta rhei – Alles fließt
Das Konzept: Der altgriechische Philosoph Heraklit prägte den Satz „Alles fließt und nichts bleibt“.
Die Interpretation: Das Bild zeigt das Gebäude nicht in einem statischen Moment, sondern in einem Zustand des Übergangs. Die Architektur scheint sich im Licht und in den Farbschichten aufzulösen. Es erinnert den Betrachter daran, dass auch politische Macht, gesellschaftliche Systeme und historische Epochen vergänglich und im ständigen Wandel begriffen sind. Nichts Politisches ist für die Ewigkeit gebaut.
3. Postmoderne Philosophie: Die Dekonstruktion der Macht (Jacques Derrida)
Das Konzept: Die Dekonstruktion nach Derrida besagt, dass Texte, Institutionen und Symbole keine feste, eindeutige Wahrheit besitzen, sondern in ihre Einzelteile zerlegt und neu interpretiert werden müssen.
Die Interpretation: Die Künstlerin betreibt visuelle Dekonstruktion. Sie bricht die monumentale, Ehrfurcht gebietende Fassade der Macht auf, indem sie sie mit abstrakten Strukturen überlagert und ihr die visuelle Schwere nimmt. Das Kanzleramt verliert seine Einschüchterungskraft und wird zu einem vielschichtigen, interpretierbaren Raum.
4. Dialektik: Das Spannungsfeld von Ordnung und Chaos (Nietzsche)
Das Konzept: Friedrich Nietzsche beschrieb das Zusammenspiel von zwei Urkräften: dem Apollinischen (Form, Rationalität, Ordnung) und dem Dionysischen (Rausch, Chaos, Farbe, Emotion).
Die Interpretation: Das Bild ist eine perfekte dialektische Synthese dieser Kräfte. Die darunter liegende Architektur des Kanzleramts repräsentiert das Apollinische – die rationale, bürokratische Ordnung des Staates. Die darüber gelegten Farbstürme und expressiven Linien stehen für das Dionysische – die lebendige, emotionale und unberechenbare Energie des Volkes und des Lebens selbst.
Karin Bison-Unger
- Schlagworte:
- Außenpolitik
Multikulturelle Gesellschaft
Demokratie
Bundespolitik
Vielfalt
Hauptstadt Berlin <1993>
- Lizenz der Metadaten:
- kein Copyright / Public domain (CC0 1.0)
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- Persistente URL:
- https://doi.org/10.25362/kupo.96ce51a7-d9da-4c9b-8618-430b37c91059
