Zum Hauptinhalt springen

Hans-Tewes Schadwinkel


Schadwinkel

Kontaktadresse:

BBK Niedersachsen
Heinrichstraße 31
30175 Hannover

Tel.: 0511 / 323820
E-Mail: mail(at)kuenstler-in-niedersachsen.de

Hans-Tewes Schadwinkel
*1937 in Neuklücken - †2024 in Mehrum

Einige Bemerkungen zum Verständnis meiner Arbeiten

Dem Betrachter dieser Arbeiten werden nur wenige Hilfen, auf keinen Fall Titel oder Entstehungsdaten, an die Hand gegeben. Das gesamte Werk ist so angelegt, dass sich Formen und Inhalte von selber erschließen. Das zufällige Entstehungsdatum oder gar ein die jeweilige Arbeit festlegender Titel lenken von ihr ab oder führen in eine falsche Richtung. Beides wird vom Hersteller abgelehnt. Nur der Zeitrahmen, in dem diese Arbeiten entstanden sind, die Jahre zwischen 1972 und 1987, erscheinen nennenswert.

Meine Kunst besteht aus einem Nach-innen-Horchen auf die eigenen Gefühle, in die eigenen Triebe. Diesem "was wäre wenn", der Spannung des Täters und Erdulders Ausdruck zu verleihen.

Im Anfang ist es nur der Trieb, der sich in Formen Bahn bricht. Aggression bis an den Rand des Zerrissenwerdens. Die Friedenssäule auf dem Schlossplatz mit der Motorsäge zu fällen wäre nötig, ist so aberwitzig, wie die Säulen des Königsbaus mit einem Panzer abzufahren. Der Versuch, dieses innere Erlebnis in Form umzusetzen, lässt Triebgnomen entstehen im blinden Vorwärtsstürmen mit zum Schlag ausholender Faust.

Im Zeitalter der Menschenrechte dringen Erniedrigung und Entwürdigung, Folter und Tod in unser Bewusstsein. Bei allem vom einzelnen Menschen erfahrenen Unrecht und Leid ist es immer gleich auch das vieler. Abgeschlachtet wie Vieh, ausgerottet und vertilgt wie Insekten. Dabei verschwinden einzelne Gesichter. Haften bleibt der geschundene Körper.

Hans-Tewes Schadwinkel

1937 Geboren in Neuklücken in der Neumark

1945
Flucht nach Niedersachsen

1965–1974
Studium der Bildhauerei an der Werkkunstschule in Hannover bei Helmut Rogge und der Kunstakademie Stuttgart bei Rudolf Hoflehner

1971
Gropiuspreis der Landeshauptstadt Hannover

seit 1974 Freischalfender Künstler

1977–1989
Lehrauftrag an der Fachhochschule Hannover im Fachbereich Kunst und Design für Holzbildhauerei

1988–1989
Vorsitz der Gruppe Hannover im BBK Niedersachsen und Beirat im Kunstverein Hannover

2024 am 13. März gestorben

Arbeiten von Hans-Tewes Schadwinkel wurden in Gemeinschafts- sowie in Einzelausstellungen (E) und Katalog (K) gezeigt

2011 „Von Leichtigkeit und Schwere“, Galerie E-Damm 13, Hannover, Objekte/ Zeichnungen (E)

1999 „Neue Arbeiten aus Metall“, BBK, Heinrich-Heine-Haus, Lüneburg 

1995
„Stahlplastiken“, Heimvolkshochschule Stephansstift, Hannover (E) (K)

1992
Bildhauerarbeiten von Hans-Tewes Schadwinkel im Kreismuseum Peine (E) (K)

„4+4 - ein Bildervergleich“, deutsche und tschechische Künstler in Karlsbad, Pilsen und Prag sowie Hannover und Nordenham (K)

1990
„In der Wende“, eine Ausstellung für 10 Tage, Universität Leipzig (E)

1989
„Die Stadt in der bildenden Kunst“, im KUBUS, Hannover (K)

„Künstler in Niedersachsen 2“, Ankäufe des Landes 1984 bis 1989, Kunstverein Hannover (K) 

1988
„Werkschau“, Atelier Helmkestraße 5a in der Kornbrennerei (E) (K)

Ankauf und Ausstellung einer figürlichen Steinskulptur, Kreismuseum Peine (K)

„Art-Meeting“, Hannover/Berlin, Kulturamt der Landeshauptstadt Hannover in Zusammenarbeit mit der Galerie Liesl Voigt im KUBUS Hannover

1986
Biennale '86 hannoverscher Künstler, Bund bildender Künstler, Hannover (K)

1985
„Die Freiheit der Kunst“, anlässlich des Evangelischen Kirchentags, Marktkirche, Hannover (E)

Herbstausstellung, Künstlergruppe Arche, Galerie Arche, Hameln

1984
Kunstverein Hannover, „Standpunkt Kunst – Standort Herrenhausen“, Lehrende des Studienganges ‚Freie Kunst‘ der FHS Hannover (K)

„Inseln der Kreativität“, Dozenten der Kreisvolkshochschule Peine stellen aus im Kreishaus in Peine (K)

1983
Bund bildender Künstler für Niedersachsen, Landesausstellung in der Orangerie, Hannover

„Umkehr zum Leben“, Deutscher Evangelischer Kirchentag, Hannover

1982
Bund bildender Künstler, Gruppe Hannover, Hannover (K)

1981
„Einblicke“, figürliche Skulpturen aus Eichenholz im Foyer der Fachhochschule Hannover

Bund bildender Künstler für Niedersachsen, Landesausstellung Hannover (K)

1978
66. Herbstausstellung niedersächsischer Künstler, Kunstverein Hannover (K)

1972
60. Herbstausstellung hannoverscher Künstler, Kunstverein Hannover (K)


Arbeiten im öffentlichen Raum


2000 Skulpturenpark im Gewerbepark ‚Ilseder Hütte‘, 6 Arbeiten auf dem Hüttengelände

1997
„Windskulptur“, Stahl, 800 × 300 cm, Kraftwerk Mehrum 

1986
„Augenblicke - Bildhauer bei der Arbeit“, Langenhagen

1985
Kulturpark am Lister Turm

1984
Symposium Lamspringe

1983
Arbeiten zum Deutschen Evangelischen Kirchentag

1982
verschiedene Arbeiten mit Studenten

Biennale '86 hannoverscher Künstler, Bund Bildender Künstler
Hannover 1986

Breitenbach, Michael
Psychologische und künstlerische Aspekte des plastischen Gestaltungsprozesses
Untersuchung am Werk des Bildhauers Hans-Tewes Schadwinkel
Schriftliche Arbeit zur Diplomhauptprüfung an der Wissenschaftlichen Hochschule Hildesheim in den Fachbereichen Kunst und Psychologie, Hildesheim 1985

Marktkirche '85, Hannover 1985

Herbstausstellung '85, Künstlergruppe Arche, Galerie Arche
Hameln 1985

Lamspringer Bildhauersymposion, Lamspringe 1985
Fernsehsendungen in ARD und ZDF zu dieser Veranstaltung im September

Standpunkt Kunst – Standort Herrenhausen
Lehrende der Freien Kunst an der Fachhochschule Hannover
Kunstverein Hannover, Hannover 1984

Bund bildender Künstler für Niedersachsen, Landesausstellung 1983
Hannover 1983

20. Deutscher Evangelischer Kirchentag Hannover 1983
Umkehr zum Leben, Programmheft

Bund bildender Künstler, Gruppe Hannover, Herbst 1982
Hannover 1982

Bund bildender Künstler für Niedersachsen, Landesausstellung 1981
Hannover 1981

66. Herbstausstellung niedersächsischer Künstler
Kunstverein Hannover 1978

60. Herbstausstellung, Hannoversche Künstler
Kunstverein Hannover 1972

Mir geht es vor allem und immer um den Menschen – den Menschen, der der Gewalt ausgeliefert ist und sich nur noch mit seinem Körper dagegen wehren kann. Menschen in politischen Konflikten also, auf die meine Skulpturen verweisen und die sie selbst auslösen können. Um die politische Dimension meiner Arbeiten auch in dieser Ausstellung bewusst zu halten, habe ich Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski gebeten, seine Erfahrungen beim Kirchentag in Hannover 1983 zu beschreiben:

Es ist der 8. Juni 1983. In einer Viertelstunde sollen die Eröffnungsgottesdienste zum 20. Deutschen Evangelischen Kirchentag beginnen. Ich bin als Prediger einer (katholischen) Gemeinde am Stadtrand von Hannover zugeteilt. Da werde ich noch schnell ans Telefon gerufen, es eile. Auf dem Messegelände bahnt sich ein Konflikt an. Die von mir zur Aufstellung empfohlene Christusstatue von Hans-Tewes Schadwinkel sei zum zweiten Mal aus einer Halle herausgeflogen. Das Leitungsteam des Lateinamerika-Forums habe mit sofortiger Abreise gedroht, wenn die Statue in der Halle stehen bliebe. Daraufhin habe man sie abtransportieren müssen.

Ich muss gestehen, ich habe mir die Skulptur erst nach dem Kirchentag angeschaut. Da draußen auf dem kleinen Dorf, in der Scheune des Bauernhofes, in dem der Künstler wohnt: ein Pandämonium von gefolterten, gehängten, gemarterten Figuren. In der Mitte diese Statue. Ein gewaltiger Koloss, überlebensgroß. Die Arme ausgebreitet, mit übergroßen Händen und Füßen. Der Kopf kahlrasiert, die Augen blicken angestrengt in die Ferne. Die Hose rutscht herunter, lässt das Glied sehen. Ein Erniedrigter, Geknechteter. Christus? Ich bin eine Weile wie erschlagen und sage dann – um etwas zu sagen – : Vielleicht ist es diese rutschende Hose gewesen, die die Leute so empört hat.

Bilder sind gefährlich, hat Werner Hofmann kürzlich aus Anlass der großen Hamburger Ausstellung über »Luther und die Folgen für die Kunst« gesagt. Sie greifen an und ängstigen, sie entfalten eine Wirkungsmacht, der man sich oft hilflos ausgeliefert sieht. Sie verführen durch Eindeutigkeit wie durch Vieldeutigkeit, sie bringen Vorstellungen durcheinander. Der Bilderstreit, der die christliche Kirche (und davor das Judentum) von ihren Anfängen her begleitet hat, ist wohl Ausdruck dieser Gefährlichkeit der Bilder. Vielleicht ist es wirklich die rutschende Hose gewesen, die dieser oder jener Glaubende nicht ausgehalten hat. Wie kann man den Gottessohn mit einem sichtbaren Glied darstellen? Legt man ihn damit nicht allzu sehr auf seine Menschlichkeit fest? Aber vielleicht ist es auch ganz etwas anderes gewesen: das Abweisende, Ferne, das Erdrückende. Die als unbewältigt erlebten Probleme der Form vielleicht.

Die Skulpturen von Hans-Tewes Schadwinkel atmen die Brutalität von Folter und von Ausgeliefertsein. Da schlägt dir einer ins Gesicht, da hängt dich einer auf, da stellt dich einer an die Wand. Jedes zärtliche, hingebungsvolle Verhältnis mit der Welt und mit dem Mitmenschen wird zerbrochen. Wer so an den Armen oder Beinen aufgehängt wird, wem so die Sehnen überdehnt oder die Knochen zerbrochen werden, der kann selten wieder Liebe geben oder empfangen. Ein Vertrauensverhältnis ist in der Tiefe gestört. Ein Gefolterter kann nicht mehr einfach schlafen, weil er sich nicht mehr aus der Hand zu geben wagt. Die Seele wird langsam, aber sicher vernichtet, und die Schönheit des Körpers verkommt zu grässlicher Unförmigkeit.

Von diesem Prozess der Zerstörung des Menschen reden Schadwinkels Skulpturen. Man kann sie nicht einfach aufstellen und dann weiterleben wie bisher. »Im Angesicht dieser Skulptur hätten wir unser Programm nicht so wie verabredet durchführen können«, sagten die Leute des Vorbereitungsteams auf dem Kirchentag, das Schadwinkels Skulptur mit den ausgebreiteten Armen nicht in der Halle dulden wollte. »Wir hätten diese Skulptur integrieren, uns mit ihr auseinandersetzen müssen.« Gestalten wie diese können erregen, wie nur selten Worte je erregen können. Man muss um die Gefährlichkeit solcher Skulpturen wissen, weil der, der sie sieht, gefragt wird, ob er solches Leiden weiter dulden will.

Hans Werner Dannowski

 

Schadwinkel hat Auftragsarbeiten, die nicht in unmittelbarem Bezug zu seiner Thematik und Formgebung standen, nicht angenommen. Er ist seinem persönlichen Gestaltungsdrang nachgegangen und ist beharrlich seinen eigenen Ideen, seinen "inneren Visionen " gefolgt und hat versucht, diese in künstlerischer Form umzusetzen.

"Kopieren – arbeiten im Stile von ... – war bei uns an der Kunstschule verpönt ... Sicherlich, ich kenne die Kunstgeschichte, aber meine Formen und Themen habe ich nur aus mir selbst heraus erarbeitet."

H.-T. Schadwinkel arbeitet ohne Modell und am liebsten direkt an härteren Materialien, vorzugsweise in Holz. Er nennt für diese Arbeitsweise folgende Gründe: 

"Ich muss körperlich arbeiten; je schwerer ich körperlich arbeite, um so wohler fühle ich mich."

"Ich arbeite ohne Modell, die Arbeit soll Spaß machen. Die Spannung des Machens und das, was rauskommt, muss bis zum Endpunkt erhalten bleiben."

Weiterhin erwähnt er die Beschränkung auf ein Volumen, etwa das eines Holzbalkens oder Steinblocks, als eine für ihn brauchbare Methode, die er als Freiheit und gleichzeitig als Zwang sieht. Die Freiheit liegt in der Möglichkeit, ein ganzes Volumen ausnutzen zu können, der Zwang liegt in der Beschränkung.

Den Prozess, für eine Idee eine künstlerische Form zu finden, bezeichnet Schadwinkel als das geistige Bedürfnis seiner Bildhauerei, das neben dem körperlichen steht.

"Eine Vorstellung, Idee, Formidee zu haben und sie gegen das Material oder in das Material reinzuarbeiten und das Material soweit zu entmaterialisieren, dass am Ende nicht das Material bestimmend ist, sondern die Form den Eindruck bestimmt, dass man nicht mehr sagt: das Stück Holz, sondern die Frau, der Mann, der Mensch – das ist immer wieder spannend und eine ganz harte Herausforderung. Es entsteht etwas Neues, eine erdachte, geistige, gewollte Form ... Es ist das Bildhaftmachen einer Idee, der Versuch, in einer Figur eine ganze Geschichte unterzubringen, ohne sie zu überfrachten."

Michael Breitenbach

ESC

Suchanfrage

Unscharfe Suche:

Suchausgabe