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Astrid Brandt
*1963 in Bremen - †2019 in Wilhelmshaven

Ohne Zögern (…) kommt mir das Wort ‚Tableau’ in den Sinn (…). Im Duden steht unter anderem geschrieben: ‚Tableau (...) wirkungsvoll gruppiertes Bild, bes. im Schauspiel (...)’. 

Ein Tableau stellt für meine Begriffe das Extrakt einer Handlung dar, die in einem unerwarteten Stillstand zwischen den Augenblicken gebannt ist. Zugleich vermittelt das Tableau eine zugespitzte Ahnung von der Dramaturgie des Stückes. Kennt der Betrachter die Inszenierung, ist der Fall möglicherweise sofort klar. Kennt er sie nicht, läuft ein eigener Film in ihm ab. Die interessantere Frage ist: Was, wenn der Erzeuger des Tableaus das Stück selbst nicht kennt? So verhält es sich wohl bei mir, und noch darüber hinaus: je länger ich mit dessen Erzeugung beschäftigt bin, desto fremder werden mir die Darsteller, desto unbekannter die Handlung. (...)

Was draußen bleibt, ist beinahe ebenso bedeutsam wie das, was im Bilde ist. Oft verraten rigorose Anschnitte, dass das Tableau dem Betrachter etwas vorenthält; Ausblicke filtern das Licht, geben aber keinen Aufschluss über die Welt hinter den blinden Fenstern. Ganz im klassisch-theatralischen Sinne deutet die Szenerie auf etwas aus der Welt Herausgehobenes hin, und bestenfalls, ganz in meinem Sinne, auf etwas aus der Zeit Gefallenes.
Astrid Brandt

Verändert zit. nach: Andreas Bee, Die Waldläuferin, in: Astrid Brandt – inwendig auswärts; Ausstellungskatalog, Hrsg.: Städtische Galerie Delmenhorst 2013

1963 in Bremen geboren

1982 Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig, bei Prof. Malte Sartorius und Prof. Lienhard von Monkiewitsch

1989 Studienabschluss als Meisterschülerin von Prof. Malte Sartorius, seitdem tätig als freischaffende Zeichnerin

2005-2010 Lehrauftrag an der Hochschule für Künste Bremen (HfK) im Fach Zeichnen

2019 in Wilhelmshaven gestorben



Preise 

2005 Imke-Folkerts-Preis für Bildende Kunst (1. Preis)

1999 Kunstpreis der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (Sonderpreis)

1998 Förderpreis des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur

Einzelausstellungen (E) und Ausstellungsbeteiligungen
Auswahl seit 1989 (K = Katalog)

2020 INTERIEUR – Gedenkausstellung, Galerie Rasche Ripken, Berlin

2018 Full House – 10 Jahre Berlin, Galerie Rasche Ripken, Berlin
Licht im Oktober, Fliegende Bauten, Strausberger Platz, Berlin

2017 Immanence, Kunstlievend Genootschap Pictura, Groningen
In einer Schaluppe, Fliegende Bauten, Berlin

2016 Neue Sachlichkeit, Galerie Artdocks, Bremen

2015 Astrid Brandt – HOMESOME, Galerie Rasche Ripken, Berlin (E)
Interieur – Fremdes in vertrauten Räumen, Kunststiftung Schloss Agathenburg bei Stade (K)

2014 Astrid Brandt – Ruhezone, Kunstverein Wolfenbüttel (E)
9. Niedersächsische Grafik-Triennale: Zeichnung, Kunstkreis Holzminden, Schloss Bevern (K)

2013 Astrid Brandt – inwendig auswärts, Städtische Galerie Delmenhorst (E, K)
Shortcut – Allgemeiner Konsumverein, Braunschweig (E)

2012 Paula Modersohn-Becker Kunstpreis, Große Kunstschau Worpswede (K)
SCHAUfenster der Region, Kunsthalle Wilhelmshaven (E)
Kunst Service Galerie, Düsseldorf

2011 21. Salon Salder,  Schloss Salder, Salzgitter (K)
BS-Visite, Rebenpark Braunschweig

2010/11 Feest der herkenning! - Internationaal realisme, Kunsthal Rotterdam (K)

2010 Realismus – Das Abenteuer der Wirklichkeit, (K) Kunsthalle Emden / Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Kunsthal Rotterdam
innenaussen, 4. Biennale der Zeichnung, Kunstverein Eislingen, (K)
Leinen Los! - 85. Herbstausstellung Niedersächsischer Künstler, Kunstverein Hannover (K)
Trinken mit Interstellaren – Kurator: Ronny Lischinski, Forgotten Bar Project, Berlin 

2009 BS Visite, Rebenpark Braunschweig
Top Secret, Kunsthalle Wilhelmshaven

2008 7. Niedersächsische Grafik-Triennale: Zeichnung, Kunstkreis Holzminden, Schloss Bevern (K)

2007 Pars pro toto – Visionäre Tendenzen in der Gegenwartskunst, Kunstverein Virtuell-Visuell, Dorsten
Gabriele Münter-Preis, Martin-Gropius-Bau, Berlin und Frauenmuseum Bonn (K)

2006 Heimspiel, 83. Herbstausstellung Niedersächsischer Künstler, Kunstverein Hannover (K)
Stillleben, Städtische Galerie im Park, Viersen (K)

2005 Illusionen in der aktuellen Kunst, Oberschlesisches Landesmuseum und Kulturkreis Hösel, Düsseldorf-Ratingen
Stille Räume, Galerie Streitenfeld, Oberursel, Ausstellung mit Jukka Vänttinen

2004 Kubus Hannover, Galerie der Niedersächsischen Lottostiftung; Ausstellung mit Fritz Koch und Thomas Cena
Zeichnung Entdecken, Kunstverein Eislingen (K)

2003 Bremer Förderpreis für Bildende Kunst 2002, Städtische Galerie im Buntentor
Heimliche Freuden, PaulGalerie, Bremerhaven (E)
Perspektiven, 81. Herbstausstellung Niedersächsischer Künstler, Kunstverein Hannover (K)

2001 KunstService Düsseldorf, Ausstellung mit Hans Jörg Rothenpieler
Die zweite Haut, Galerie Schlieper, Neustadtgödens, Ausstellung mit Petra Förster
Kunstkreis Hameln, Ausstellung mit Hans Jörg Rothenpieler, Brigitte Geiler, Fritz Koch
Visionen des Wirklichen, Städtische Galerie im Park, Viersen (K)

2000 Große Kunstausstellung München 2000, Haus der Kunst, München (K)

1999 Große Kunstausstellung München 1999, Haus der Kunst, München (K)
13. Nationale der Zeichnung, Augsburg (K)
Kunstpreis der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken 1999/2000, Sprengel Museum, Hannover (K)
Nordwestkunst 99, Kunsthalle Wilhelmshaven

1998 Galerie APEX, Göttingen; Ausstellung mit Herwart Specht
Kunstverein Gifhorn (E)
Lokalzeit / Local Time, Städtische Galerie, Haus Coburg, Delmenhorst (K)

1997 Kunstpreis Junger Westen, Kunstverein Recklinghausen (K)

1996 zeichnen, Deutscher Künstlerbund, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (K)

1995 Galerie art & arche, Schloss Wendhausen bei Braunschweig (Ausst. mit Peter Nagel und Thomas Duttenhoefer)

1994 Herbert Jäger – Heiner Altmeppen – Astrid Brandt, Städtische Galerie im Park, Viersen / Emslandmuseum Schloss Clemenswerth (1995, K)
Galerie Manfred Wolnin, Dortmund (E)

1993 Junge Kunst der 90er, (K) Niedersächsische Landesvertretung, Bonn             Galerie Haus am Kleistpark, Berlin
Kampnagel Fabrik, Hamburg (1994)
Ecole Régionale des Beaux-Arts de Rouen

1991 Intergrafia 91, Kattowitz (K)
Mainzer Kunstpreis Eisenturm 91
Förderpreis Junge Kunst, Kochsmühle Obernburg (Landkreis Miltenberg)

1990 Intergrafik 90, Ausstellungszentrum am Fernsehturm, Berlin (K)
Raum Klima, 76. Herbstausstellung Niedersächsischer Künstler, Kunstverein Hannover (K)

1989 Kunst 89, Haus der Kunst, München (K)

Auswahl

Gert Selle: Im Haus der Dinge, Essay mit ca. 60 Zeichnungen von Astrid Brandt. Surface Verlag, Darmstadt 2015; ISBN: 978-3-9398553-7-8

Astrid Brandt – inwendig auswärts; Verf.: Annett Reckert, Andreas Bee. Ausstellungskatalog, Hrsg.: Städtische Galerie Delmenhorst 2013. ISBN: 978-3-9814150-7-0

Sie gab ihm Sex, er gab ihr Klasse – Annett Reckert in: kw2, Jubiläumsmagazin des Kunstvereins Wilhelmshaven;  Hrsg.: Viola Weigel, Kunsthalle Wilhelmshaven, 2012. ISSN 2193-8644

Astrid Brandt - Bleistift Papier, Verf.: Gert Selle, Margot Michaelis. Monographie, Braunschweig 2000

Visionen des Wirklichen, Verf.: Armin Schreiber. Ausstellungskatalog, Hrsg.: Städtische Galerie im Park, Viersen 2001

Den Dingen auf den Grund gegangen, Verf.: Eckard Wagner; Ausstellungskatalog, Hrsg.: Emslandmuseum Schloss Clemenswerth 2001

Herbert Jäger – Heiner Altmeppen – Astrid Brandt, Verf.: Armin Schreiber; Ausstellungskatalog, Städtische Galerie im Park, Viersen 1994

 

bis zum Äußersten
gehn
dann wird Lachen entstehn

en face le pire
jusqu'à ce 
qu'il fasse rire

Samuel Beckett

 

Die Waldläuferin

Man ordnet seine Post wie seit vielen Jahren. Auf dem „Machen-wir-später-Stapel” landet unversehens eine Sendung, deren Begleitschreiben offensichtlich mit einem jener Computerprogramme erstellt wurde, das Handschriften simuliert. Eine mehr oder weniger geschickte Täuschung, eine Drucksache wie einen persönlichen Brief erscheinen zu lassen. Kennt man ja. Kann also nicht wichtig sein. Wochen später erst wird durch eine Nachfrage klar, dass es sich bei dem akkuraten Schreiben keineswegs um eine Drucksache handelte, sondern tatsächlich um eine handschriftliche Einladung, sich Zeichnungen anzuschauen. Unglaublich.

Was ich schließlich von Astrid Brandt zu sehen bekam, war nicht weniger irritierend als der handschriftliche Brief, der wie gedruckt erschien. Bleistiftzeichnungen von einer beunruhigenden Sorgfalt und Dichte. Bilder wie aus einer anderen Epoche. Pure Konzentration, gepaart mit den Qualitäten eines Langstreckenläufers. In Papier eingeriebene Zeit. Man muss diese verhaltenen Zeichnungen vor Augen haben und geradezu körperlich erfahren, wie viele Qualitäten dem Grau abgerungen werden können. 

Nach dem Staunen dann die Fragen: Um was geht es in den Bildern? Was ist das Thema der Arbeiten? Wie nähert man sich dieser im aktuellen Kunstgeschehen kaum zu verortenden Position? Wie fasst man ein offensichtlich sich selbst tragendes, stilistisch unabhängiges künstlerisches System? Welche Worte greifen hier und wie kann man sich diesen Blättern sprachlich nähern, ohne auf verbrauchte und untauglich erscheinende Begriffe wie ‚Interieur’ oder ‚Stillleben’ zurückgreifen zu müssen? Wie versteht die Künstlerin selbst ihr Tun? Ein paar Tage später hatte ich eine erste Antwort auf mein Drängen im Briefkasten:

„Ohne Zögern”, schrieb mir Astrid Brandt, „kommt mir das Wort „Tableau” in den Sinn, eine schlichte, nicht ganz eindeutige Vokabel, und daher reich an Auslegungsmöglichkeiten. Im Duden steht unter anderem geschrieben: „Tableau (...) wirkungsvoll gruppiertes Bild, bes. im Schauspiel (...)” Dank des Nachschlagewerks sehe ich mein Wirken also auf eine Bühne versetzt, (und zweifelsohne spielen Szenenbild und Darsteller in meinen Werken eine bedeutende Rolle, aber dazu später).

Ein Tableau stellt für meine Begriffe das Extrakt einer Handlung dar, die in einem unerwarteten Stillstand zwischen den Augenblicken gebannt ist. Zugleich vermittelt das Tableau eine zugespitzte Ahnung von der Dramaturgie des Stückes. Kennt der Betrachter die Inszenierung, ist der Fall möglicherweise sofort klar. Kennt er sie nicht, läuft ein eigener Film in ihm ab. Die interessantere Frage ist: Was, wenn der Erzeuger des Tableaus das Stück selbst nicht kennt? So verhält es sich wohl bei mir, und noch darüber hinaus: je länger ich mit dessen Erzeugung beschäftigt bin, desto fremder werden mir die Darsteller, desto unbekannter die Handlung. (...)

Was draußen bleibt, ist beinahe ebenso bedeutsam wie das, was im Bilde ist. Oft verraten rigorose Anschnitte, dass das Tableau dem Betrachter etwas vorenthält; Ausblicke filtern das Licht, geben aber keinen Aufschluss über die Welt hinter den blinden Fenstern. Ganz im klassisch-theatralischen Sinne deutet die Szenerie auf etwas aus der Welt Herausgehobenes hin, und bestenfalls, ganz in meinem Sinne, auf etwas aus der Zeit Gefallenes.

Meine Tableaus illustrieren sicherlich keine großen Opern, sondern vorwiegend Kammerspiele, dabei niemals Ein-Mann-Stücke. Die Darsteller stehen in einer magischen Beziehung zueinander, die sich nicht in einer gebräuchlichen Symbiose, sondern durch ihre Attitüde offenbart. Meine Vorliebe gilt dabei eher unauffälligen, im Alltag fast reizlos anmutenden Figuren, die über die Oberfläche ihrer Zweckdienlichkeit hinauswachsen, indem sie durch ihre eigentümliche Gestik Würde und Besonderheit ausstrahlen. 

Nicht zuletzt ist, wie im Schauspiel, auch die schöne Lüge Thema meiner Arbeit. So, wie es das Tableau vorgaukelt, hat es die Szenerie nie gegeben. Rekonstruiert, verdichtet und umgedeutet entsteht dennoch ein trügerischer Anschein von Wirklichkeit, der den Zuschauer im Spannungsfeld von Identifikation und Befremden in der Schwebe hält.”

Damit ist viel gesagt. Und doch begreift man noch immer nicht so recht, wohin das Auge entführt wird. Um Halt und Haltung bemüht springt der Blick unsicher hin und her, betrachtet mal das Ganze und sucht dann wieder das Detail, um besser zu verstehen. Man erkennt Vertrautes, und trotzdem wirkt dieses Vertraute geheimnisvoll und fremd. Dabei, so versucht man sich zu beruhigen, handelt es sich doch bloß um Zeichnungen nach tatsächlich vorhandenen Dingen. Oder nach Fotos von Räumen, nach Abbildungen aus Büchern und Zeitschriften. Nach Vorlagen im sachlichen Stil der fünfziger Jahre. Nüchtern, sauber und aufgeräumt zumeist. Realitäten aus zweiter Hand. Medial vermittelte Wirklichkeiten. Bearbeitet und verändert durch die Künstlerin und so in ihrer Suggestivität gesteigert. Erfüllt von einer Poesie der Stille, einer tiefen Ruhe, die von einem unzeitgemäß anmutenden Innehalten herzurühren scheint. 

Indem sich die Künstlerin den Dingen zeichnerisch annimmt, gewinnen diese ihre Körperlichkeit zurück. Menschliche Wesen aber haben in den Zeichnungen von Astrid Brandt offenbar nichts (mehr) verloren. In diesem Punkt sind die Bilder jenen Romanen und Filmen verwandt, die einen Zustand der Welt zu imaginieren versuchen, in dem der Mensch (bis auf den einen, der Bericht erstattet), von der Bildfläche verschwunden ist. Doch das ist vielleicht auch hier nur ein dramaturgischer Trick. Denn durch die konsequente Aussparung des Menschen werden die Räume und Möbel als Repräsentanten ihrer abwesenden Schöpfer enorm gestärkt. 

The Object Stares Back

Es soll Männer geben, die auf Ziegen starren. Sie glauben an die Macht des Blickes. Andere sitzen stundenlang vor Wänden und starren diese an, um sich in einen Zustand zu steigern, in dem es ihnen für kurze Augenblicke gelingt, Nahes und Fernes, Großes und Kleines, Wichtiges und Unwichtiges gleichzeitig zu erkennen. Das sind nur zwei Beispiele von vielen für jene meist anstrengenden Übungen, um die Mitte hinter sich zu lassen. Astrid Brandt musste sich zu nichts zwingen. Schon als Kind hat sie Dinge angestarrt. Einfach so. Zum Beispiel die Bücher im Regal ihrer Eltern. Vor dem Einschlafen und beim Aufwachen. Zwischendurch. Ihr Blick hat wieder und wieder dieselbe, unveränderte Ordnung fokussiert. Hält man dieses interesselose Starren durch, dann wird man reich belohnt, denn die Dinge offenbaren über kurz oder lang noch eine andere als die oberflächliche Seite ihres Seins. Sie antworten auf ihre Weise. „Vertraute Gegenstände werden dem fremd, der sie zu ausgiebig betrachtet. Die wechselnde Intensität der Aufmerksamkeit ist eine Reise, die erst mit der endgültigen Justierung endet. ... Eine intensiv angestarrte Türklinke verwandelt sich in irgendeinen unbekannten Gegenstand. Eine gewisse Unschlüssigkeit stellt sich ein, die ihren „Wert” als Türklinke, ihre Bestimmung berührt. Ihre Erscheinung hingegen wird immer konkreter. Die Oberfläche gewinnt aufs äußerste an Komplexität, während sie sich doch gleichzeitig entzieht: anderweitige Gefilde, Stoffe für Malerei, Text oder Fotografie.

Wenn die Türklinke dennoch Türklinke bleibt, so geschieht dies gerade um den Preis einer verkümmernden Aufmerksamkeit, eines Einschlummerns im „Mittelwert” des Gegenstands. Um die Klinke in diesem gewöhnlichen Zustand zu halten – also in dem, wo man die Hand auf sie legt, um eine Tür zu öffnen – muss man schrittweise der Intensität des Blicks entsagen, so wie man Ballast abwirft, um in mittlerer Höhe zu bleiben.”

Der obsessive Blick, das Hinstarren transformiert also das Objekt. Und der Betrachter begreift das Objekt nicht selten als Spiegel oder Gegenbild seiner selbst. So verändert sich nicht nur das Objekt, sondern gleichzeitig auch derjenige, der es betrachtet.

Unverkennbar häufen sich um uns herum in ständig steigendem Tempo die Worte und Werke, die Bilder und Bücher, türmen sich die Kataloge mit ihren bunten Abbildungen und kommentierenden Texten, wachsen die Massen der Kunstpostkarten, Plakate und Drucksachen langsam aber sicher ins schier Unermessliche. Wie kann man das aushalten? Wer ist dafür verantwortlich? Was läuft hier aus dem Ruder? „Wann fing es an, richtig schief zu laufen?”, fragt William Gaddis, ohne eine Antwort schuldig zu bleiben: Mit der Erfindung des mechanischen Klaviers, das es seinem Besitzer ermöglichte, mittels gestanzter Papierrollen die Werke großer Komponisten jederzeit selbst abspielen zu können. Mit dieser Unterhaltungsmaschine vom Beginn des letzten Jahrhunderts, gesteuert von einer Urform des binären Strickmusters, wurden seiner Meinung nach all jene Dinge vorbereitet, mit deren Hilfe man kurze Zeit später „die Höhen der Kultur überrannt” und platt gewalzt hat, um sich des „Allerheiligsten”, der Kunst zu bemächtigen. „Die verblödete, hirnlose Masse, die so genannte Öffentlichkeit, sie will es ja so. Sie will unterhalten werden und macht deshalb aus dem Künstler einen Entertainer oder Berufsprominenten. (…) Wo man auch hinschaut, überall Unordnung und Zersetzung, der Pesthauch der Entropie, nimm was Du willst, Unterhaltungsindustrie und Technologie, jeder Vierjährige an seinem eigenen Computer (…)”, tobt Gaddis. Trotz dieser hoffnungslosen Lage versucht der Autor Ordnung in seine Gedanken zu bringen.

Mir scheinen Astrid Brandts Motive denen Gaddis' verwandt, denn wie er gibt sie nicht auf und ordnet mit ihren Bildern eine Welt, die scheinbar rettungslos zur Unordnung neigt, dem Viel-zu-Vielen zuneigt und an manchen Tagen so bedroht erscheint, dass man den Eindruck gewinnen kann, sie würde sich früher oder später in einer allumfassenden Zersetzung vollkommen entziehen. Indem Brandt aus vorhandenen Bildervorräten schöpft, indem sie zitiert und verbindet, indem sie die Zwiesprache mit bestimmten Haltungen forciert und andere unbeachtet lässt, gelingt es ihr zumindest partiell, den untergründigen Sumpf aus Chaos und Zufall an einigen Stellen trocken zu legen und den Lauf der Dinge zu entschleunigen.

Betrachten, blicken, schauen

So wie die Entschlüsselung der Objekte einen obsessiven Blick verlangt, so fordern auch die Werke von Astrid Brandt eine äußerste Aufmerksamkeit. Betrachten, blicken, schauen. Immer wieder. Wer sich hier keine Zeit nimmt und Hoffnung auf ein schnelles Erfassen und Verstehen hegt, kommt nicht weit. Wem es aber gelingt, sich zu disziplinieren, wer es schafft, alles andere auszublenden, wer es vermag, sich in die Bilder zu versenken, wird auf merkwürdige Stellen stoßen, überraschende Konstellationen erkennen und Echos aus einer Welt vernehmen, die er eben noch verloren glaubte. Es entsteht der Eindruck, als habe sich hier jemand aufgemacht, uns zu zeigen, dass bei aller Drastik und Deutlichkeit der redundanten Bilderfluten die Dinge noch nicht gänzlich entzaubert wurden, dass alle Aufklärung nicht im Stande war, das Dunkel vollends auszuleuchten und das Geheimnis hinter den Oberflächen zu beseitigen. Und aus der Intensität, mit der Astrid Brandt das zu Papier bringt, was sie interessiert, erwächst eine Magie, die ihren Realismus der Realität entrückt.

Doch lässt sich das Magische dieser Zeichnungen überhaupt besprechen? Kann man darüber reden? Bedarf es nicht vielmehr einer Form der Annäherung, die das Geheimnis anerkennt, versteht und zugleich bewahrt? „Das Tageswissen ist immer dort, wo das Geheimnis gerade nicht ist. Und rückt das Wissen in das Geheimnis ein, ist dieses schon wieder fort. (...) das Geheimnis ist nichts, was man sagen kann, sondern was sich einem auratischen Spüren kundtut.” 

Während alles andere unaufhörlich vorbeizufliegen scheint, hält Astrid Brandt die Dinge fest. Während vieles vom dem, was man eben noch sah, im nächsten Augenblick dem Vergessen anheim fällt, stemmen sich ihre Zeichnungen gegen das Flüchtige und jene massenhaft zirkulierenden Bilder, die von der Regie der Effekte und Effizienzen immer enger zusammengeschoben werden. Das, was sich Astrid Brandt in ihren Zeichnungen vornimmt, handelt nicht zufällig von Zwischenräumen und Transitzonen. Indem sie den Blick gerade dort verweilen lässt, erschließt sie ein Wahrnehmungsfeld, auf dem ein entschleunigtes Bewusstsein sich entfalten kann. Wie ihr dänischer Kollege Vilhelm Hammershøi gehört Astrid Brandt nicht zu „denen, über die man rasch sprechen muss. (Ihr) Werk ist lang und langsam und in welchem Augenblick man es auch erfassen mag, es wird immer voller Anlass sein, vom Wichtigen und Wesentlichen in der Kunst zu sprechen.”  

Gehen wir zu weit, wenn wir Astrid Brandt dem Lager der Partisanen zuschlagen? Charakterisiert die Künstlerin im Vergleich zu den Frontkämpfern des regulären Betriebs nicht eine Haltung, die ihr Betätigungsfeld vor allem im Hinterland sieht? Dem tellurischen Charakter der Partisanen entspricht bei ihr allerdings eine intensive Ding- und Raumverbundenheit, die als quasi defensive Haltung aus Prinzip erscheint. 

Oder sollen wir besser sagen, Astrid Brandt sei ein „Waldgänger”, so wie ihn Ernst Jünger beschrieben hat? „Waldgänger aber nennen wir jenen, der, durch den großen Prozeß vereinzelt und heimatlos geworden, (...)” dennoch „(...) Widerstand zu leisten entschlossen ist und den, vielleicht aussichtslosen, Kampf zu führen gedenkt. Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, der sich, zeitlich gesehen, drin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt.” Ein Waldgänger „schlägt sich ins Unwegsame, ins Anonyme ... er verbreitet eine ständige Unruhe.” ... „Im Waldgang „bestimmt der Einzelne die Art und Weise, in der er die Freiheit wahrt.” 

So oder so gehört Astrid Brandt zu jenen Menschen, die sich einer Unterordnung unter traditionelle künstlerische Strukturen verweigert und sich allein dadurch schon als eigenständiger Typus etabliert. Und wie auch immer man das künstlerische Vorgehen von Astrid Brandt in Zukunft noch beschreiben mag, gesichert scheint mir, dass sie den Wahrnehmungsraum neu zu kartografieren sucht. Und indem sie diesen erforscht, erweitert sie ihn, ohne ihn auszuloten. Beim Betrachter weckt sie damit eine ungeahnte Neugier auf jene Gefilde und Möglichkeiten, von denen man schon fast vergessen hatte, dass es sie gibt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die subtilen, letztlich aber fest gefügten Werke eine intensive Unruhe ausstrahlen, die direkt unter die Haut geht und nachhaltig wirkt. Ich werde den Verdacht nicht los, als handele es sich bei den Bildern von Astrid Brandt um Hypnoseversuche, von denen man sich für heute noch einmal losreißen kann. Doch Vorsicht! Die Künstlerin scheint entschlossen, ihren Weg bis zum Äußersten zu gehen.

Andreas Bee

in: Astrid Brandt – inwendig auswärts; Verf.: Annett Reckert, Andreas Bee. Ausstellungskatalog, Hrsg.: Städtische Galerie Delmenhorst 2013, Seite 61 – 66.

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