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Peter Marggraf

Als zeitgenössischer Künstler positioniert sich Marggraf mit seinem Werk nicht im Fokus von gerade vorherrschenden Ismen oder Trends mit ihrer immer kürzer werdenden Halbwertzeit, sondern geht unbeirrt und in einer Gegenposition dazu einen eigenen Weg der Auseinandersetzung mit den ihn berührenden Fragen.

Der klassische figurative Formenkanon, der in seinen neuen Plastiken aus Wachs anklingt, resultiert nicht aus ursächlich formalästhetischen Überlegungen, sondern aus der Intention, den „inneren Ausdruck” in eine distanzierte Ebene zu bringen, über die er in der Form einen Halt bekommt. Das zielt auf unser Empfinden, Fühlen und Leiden angesichts unserer zerrissenen und sich immer mehr entfremdenden Gegenwart, das Peter Marggraf in die Plastik transferiert und gleichzeitig läutert durch die Annäherung an die reine Form. Aus diesem die Kräfte ausbalancierenden Spannungsverhältnis definieren sich auch die neuen Plastiken Peter Marggrafs nicht als l‘art pour l‘art, sondern als Auseinandersetzung mit unseren existentiellen Lebenszusammenhängen im Zentrum seiner künstlerischen Tätigkeit.

Seine Wachsplastiken suggerieren trotz ihrer kleinen Höhenmaße eine ihnen innewohnende Größe und Würde, die in einem intensiven, geradezu meditativen Schaffensprozess wurzelt.

Weil das Wachs von Marggraf buchstäblich „in der Hand” geformt wurde und Gestalt annahm, haftet den Plastiken eine Intimität an, die Körpergefühl und spirituelles Empfinden gleichermaßen ausstrahlt. Die darin eingeschlossene Stille als Moment der Kontemplation ist allen Arbeiten Peter Marggrafs innewohnend.

Kurt Märzhäuser

1947 in Ehlbeck (Lüneburg) geboren
1965 Werkkunstschule in Hannover bei Professor Helmut Rogge
1970 Staatliche Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Professor Jochen Hiltmann
1975 bis 1979 Lehrauftrag für plastisches Gestalten an der Fachhochschule in Hannover
1975 Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig bei Professor Emil Cimiotti
1981 Meisterschüler bei Professor Emil Cimiotti
1984 Niedersächsischer Kunstpreis (Nachwuchsstipendium)
1996 Aufbau der San Marco Handpresse und Herstellen von Künstlerbüchern
1999 Arbeitsstipendium im Deutschen Studienzentrum Venedig
Seit 1986 jährlich Arbeitsaufenthalte in Venedig

(Auswahl)

1971 Kunstverein Hannover
1972 Kunstverein Hannover
1974 Deutscher Künstlerbund, Mainz, Kunstverein Hannover
1975 Deutscher Künstlerbund, Dortmund
1982 Galerie Weise, Hannover (E)
Kunstverein Hannover
Große Düsseldorfer Kunstausstellung
Torso als Prinzip, Kunstverein Kassel
Galerie Plinthe, Berlin (E)
1983 Galerie Arche, Hameln (E)
Kunstverein Burgwedel (E)
Dimensionen der Kleinplastik, Galerie Plinthe, Berlin
Künstler in Niedersachsen, Kunstverein Hannover
Marburger Kunstverein (E)
1984 Große Düsseldorfer Kunstausstellung
Sickinger Kunstpreis, Kaiserslautern
Galerie Plinthe, Berlin (E)
Studio a, Otterndorf (E)
Deutscher Künstlerbund, Frankfurt
Wallgalerie, Braunschweig (E)
1986 Kunstverein Gifhorn (E)
Galerie Artforum, Hannover (E)
1987 Vier Künstler aus Neustadt, Kunstverein Neustadt
Große Düsseldorfer Kunstausstellung
1988 Galerie Plinthe, Berlin (E)
1990 Kunstverein Springe (E)
1992 Galerie Arche Hameln (E)
Künstler machen Bücher, Niedersächsische Landesbibliothek Hannover
1993 Kunstverein Jülich (E)
Kleinplastiken Norddeutscher Bildhauer, Galerie Kolbin, Garbsen
Kunstverein Neustadt (E)
1994 Als Bildhauer zeichnend, Niedersächsische Landesbibliothek Hannover (E)
1995 Ecce homo, Kreuzkirche Hannover
Sehet den Menschen, Paul Gerhardt Gemeinde, Sarstedt (E)
Markuskirche Hannover (E)
Landkreis Hannover (E)
1996 Marktkirche Hannover (E)
1997 Kreuzgang, Kloster Mariensee (E)
Liebfrauenkirche, Neustadt (E)
2000 Der Tanzende Tod - Ein zehnteiliger Totentanz an der Außenmauer der Liebfrauenkirche in Neustadt am Rbg. Kunstverein Neustadt (E)
2001 Bücher Mappen Zeichnungen, Landesbibliothek Hannover (E)
Fliegen gestern, heute, morgen, Kunstverein Neustadt am Rbg.
2003 Verleger in Niedersachsen, Niedersächsische Landesbibliothek Hannover
Peter Marggraf, Plastiken aus Ton und Zeichnungen, Orte für Kunst - Galerie auf Zeit, Braunschweig (E)
2004 Danse macabre - Der Totentanz vom Mittelalter bis heute, Wendischer Kunstverein, Gartow
Druckkunst in Neustadt am Rbge. Stadtmuseum Neustadt (E)
Jeder der fällt hat Flügel, Peter Marggraf Zeichnungen im Gemeindehaus der Liebfrauenkirche, Neustadt am Rbge.(E)
2006 Traumbilder, Neustädter Künstler im Schloss Landestrost, Neustadt am Rbge.
2007 Stille Dialoge, Schloss Landestrost, Neustadt am Rbge (E)
Einmal nur ganz Stille, Dorfkirche Luthe (E)
2009 Seit ein Gespräch wir sind, Burghof Rethem/Aller (E)
Auf dem Deich, Wohlendorfer Dörpschün, Rethem/Aller (E)
2012 Neues aus den Ateliers, Eisfabrik Hannover
2014 Einmal nur ganz stille, Marktkirche Hannover (E)
2017 Peter Marggraf - Bildhauer, Drucker, Büchermacher, Kulturgut Haus Nottbeck, Museum für westfälische Literatur

Arbeiten in öffentlichem Besitz:

Sammlung des Landkreises Cuxhaven
Sammlung des Landes Niedersachsen
Sammlung der Stadt Hannover
Sammlung der Gemeinde Burgwedel
Sammlung der Stadt Garbsen
Sammlung der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover
Arthothek der Stadt Neustadt am Rbgb.
Paul-Gerhardt-Gemeinde Sarstedt
Sammlung des Landkreises Hannover
Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel
Deutsches Studienzentrum Venedig
Kreissparkasse Neustadt am Rbgb.
Liebfrauenkirche Neustadt am Rbgeb.
Kloster Mariensee
Sammlung der Stadtsparkasse Hannover
Sammlung der Sparkasse Wolgast
Literatur-Büro Hannover
Lilly Library, Indiana University/USA.
Bibliothek der Hochschule Heerbrugg (Schweiz)
Lyrik-Kabinett, München
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Diakonische Dienste Hannover
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Dresden
Lenau Haus in Pécs, Ungarn
Sächsischen Landesbibliothek, Staats - und Universitätsbibliothek Dresden
Landesbibliothek Bregenz, Östereich (Sammlung Brigitte und Gerhard Hartmann)
Dommuseum Hildesheim (Sammlung Brigitte und Gerhard Hartmann)
Katholische Stadtkirche St. Michael, Göttingen
Diakonie-Kolleg Wolfenbüttel
Martin-Luther-Kirche Borken / Westfalen
Stadt Bremerhaven
Luther-St.-Andreas Kirche Rostock
St. Antonius von Padua, Warburg-Menne

 

 

 

 

 

 

 

Hans Georg Bulla

Peter Marggraf – Bildhauer, Drucker, Büchermacher

Peter Marggraf – Bildhauer, Drucker, Büchermacher: Das wäre doch eine recht bemerkenswerte, außergewöhnliche Visitenkarte, würde man sie in die Hand gedrückt bekommen oder fiele sie einem aus einem Buch entgegen. Eine Visitenkarte, die einen auf der Stelle neugierig machen würde auf mögliche Werke und ihren Urheber. Denn: Welche Aktivitäten sind da sozusagen in einem Atemzug genannt. 

Peter Marggraf hat, so viel ich weiß, noch keine solche Visitenkarte drucken lassen; und würde er das tun, so setzte er sicherlich gleich noch etwas weiteres dazu – Bildhauer, Zeichner, Drucker, Büchermacher. Das wäre dann auch der richtige Titel für einen Oeuvre-Katalog, der folgerichtig sehr opulent ausfallen müsste. 

Vor Jahren hat Peter Marggraf aber in einer Art Steckbrief sich selbst beschrieben, es ist eher eine Art Arbeitsplatzbeschreibung, eine Tätigkeitsübersicht – was bei einem, dem jeder Tag ohne Beschäftigung in der Werkstatt ein verlorener Tag ist, nicht verwundern dürfte. Übrigens – seine Werkstatt ist aufs Prächtigste ausgestattet. 

Peter Marggraf, heißt es im Steckbrief, „ist ein Bildhauer. Er stellt lebensgroße Skulpturen aus Ton her. Immer steht im Mittelpunkt seiner Arbeit der Mensch.” Es sind diese Plastiken aus holländischem Mangan-Ton, die nach dem Brand grau schimmern, als wären sie aus Eisenguß, mit denen er bekannt geworden ist. Plastiken, die einzelne menschliche Figuren zeigen, immer sind es einzelne, in ihrer Verletzbarkeit und Verletztheit, erkennbar zusammengesetzt aus einzelnen Platten, Stücken, Scherben – wie aus einer archäologischen Grabung geborgen und mühevoll wieder zusammengesetzt, um noch einmal diesen Menschen zu zeigen. Diese Figuren, hockend, kauernd, unter den eigenen Armen Schutz suchend, wirken in ihrer verstörenden Körperlichkeit zugleich so archaisch wie heutig – ein jeder Blick in die Fernsehnachrichten liefert den quälenden Beweis. Was tut der Mensch dem Menschen an, was muß ein einzelner ertragen, was kann er aushalten, wie sucht er einen Rest von Würde im verbliebenen Leben zu retten – das fragt jede dieser Figuren mit stummer Nachdrücklichkeit den, der ihnen entgegentreten mag. Und es ist diese existentielle Ernsthaftigkeit, die Peter Marggrafs Kunst ausmacht und seine Zeitgenossenschaft beglaubigt. 

Die zeigt sich in gleicher Weise auch in den zahlreichen Bronzeplastiken, die Peter Marggraf in den letzten Jahren zunächst in Wachs modelliert und dann hat gießen lassen. Und diese Bronzen, oft sind es Torsi, armlos, oder Büsten, haben keine exquisite Patina, keine auf Glanz und Glänzen hin polierte Oberfläche, nein, jede trägt die Spuren der Hände, aus denen sie hervorgegangen ist. Da sind Erhebungen stehen geblieben und von den Fingern eingedrückte Tiefen, Grate und Schrunden. Als sei der Prozeß ihrer Entstehung angehalten, als seien sie noch auf dem Weg zu sich selbst – non finito, so heißen diese vermeintlich unfertigen, in einer langen Tradition stehenden Kunstwerke. Denn die Vollendung, ein Vollständig-sein verweigert ihnen der Künstler, er zeigt Wunden, Behinderungen, Deformationen, er zeigt ein Beschädigt-sein. Diese Darstellungen aber als destruktive, entwürdigende zu verstehen, wäre ein Missverständnis. Peter Marggraf zerstört nicht mit Vorsatz, er findet um sich herum Erschütterung und Zerstörung vor und sieht, wider alle Augenscheinlichkeit, auch die Würde. Man blicke nur in die Gesichter  seiner Figuren, auf deren geschlossene Augen – dem Sog der Stille und melancholischen Ergebenheit kann man sich nicht entziehen. Und er möchte, vielleicht wider besseres Wissen, seinen Glauben an das Anders-Mögliche nicht verloren geben.  

Es ist, so gesehen nicht, verwunderlich, daß Peter Marggraf in jüngster Zeit um Arbeiten für den sakralen, den kirchlichen Raum gebeten wurde. So steht nun in einer katholischen Kirche in Göttingen eine Bronzeplastik zum Gedenken an die jüdische Christin Edith Stein, die in Auschwitz ums Leben gebracht wurde. Und in einer westfälischen Kirche, der evangelischen Kirche in Borken, ist im Altarraum eine Christusfigur angebracht, ein „unfertiger Christus”, wie es heißt, tatsächlich ein Bild des Menschensohns. Und selbst wenn dieser „Borkener Christus“ vor einem Triptychon aus Goldpaneelen mit geöffneten Armen zu schweben scheint – er ist ebenso ein Einladender wie ein um communio, ein um Gemeinschaft Bittender. 

Zurück zum Steckbrief: Peter Marggraf, heißt es da weiter, „zeichnet und radiert. Er sucht mit einem dicken Graphitstift auf weißem Papier, mit dem Messer im Holz oder mit der Radiernadel im Metall die Konturen seiner Menschen”. Und das, was so entsteht, entweder als Einzelblätter oder als Grafik in kleiner Auflage auf der eigenen Presse gedruckt (ja, er ist eben auch ein Drucker), sind keine glatten, dekorativen, die Augen mit farbigen Effekten schmeicheln oder sie veristisch täuschen wollenden Darstellungen. Er läßt auf der Fläche des Papiers oft nur die Umrisse gelten, Gliedmaßen und Körper sind angedeutet, die Gesichter bleiben schemenhaft, eine reduzierte Figürlichkeit. Da wird kein filigranes Virtuosentum zelebriert, das ist vielmehr die gestische Bewegung des Arms, der expressiv zeichnenden Hand. Und es sind unverkennbar seine Menschen, die da auf dem Papier stehen – non finito,  noch nicht vollendet, noch nicht vervollständigt, noch nicht angekommen auch sie. 

Und schließlich heißt es im Steckbrief: „Peter Marggraf liest. Er findet in literarischen Texten seine Menschen, und er stellt diese Texte seinen Arbeiten gegenüber. Es sind Texte von Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Franz Kafka, Georg Büchner und Georg Trakl.” Diese Namensliste ist, wie der Steckbrief, an die zwanzig Jahre alt – seither sind einige Namen dazu gekommen, denn Peter Marggraf ist ein eifriger Leser und, ja, ein fleißiger Büchermacher. Nelly Sachs, Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Jean Paul, August von Platen, Brüder Grimm, Thomas Mann. Und dazwischen Wilhelm Steffens,  Gerd Kolter, Clemens Umbricht, Peter Piontek, Johann P. Tammen, Peter Gosse, Christine Kappe, Hermann Kinder und, ja, auch Hans Georg Bulla neben einigen mehr. Wer diese Namen, diese Titel (Anrufung des großen Bären, Brief an den Vater, Tod in Venedig) liest, gerät damit in eine literarische Welt ganz eigener Art – Texte der klassischen Moderne, kanonische Texte des 19. Jahrhunderts, Texte zeitgenössischer Autoren und Autorinnen. Ein außergewöhnliches, wenn nicht verwunderlich wirkendes Programm, wenn man daran denkt, was ansonsten in den Regalen und auf den Stapeltischen  einer landläufigen Buchhandlung zu finden ist. Was mag das für ein Verleger sein, der alle seine Bücher in bibliophiler Ausstattung herausbringt, allesamt reich mit Bildern versehen oder mit beigelegten Grafiken, von Hand gebunden, in kleiner Auflage nur erscheinend. Nun ja, es ist ein Ein-Mann-Unternehmen, der Verlag heißt San Marco Handpresse, der Büchermacher, Sie wissen das, Peter Marggraf.  

Seine Leidenschaft für das Büchermachen trägt und prägt das Programm, nun schon im einundzwanzigsten Jahr. Doch es geht ihm nicht um das Machen allein, obgleich er nichts lieber hört, vermute ich, als das Klackern der alten Linotype-Setzmaschine, Baujahr 1928, und das sanfte Anheben der leeren, das glückliche Ablegen der bedruckten Bögen in der Presse. Aber er nimmt nicht einen beliebigen, gerade verfügbaren Text her und steckt ihn frisch gedruckt zwischen zwei Buchdeckel. Nein, was unter seinen Händen zu einem Buch werden soll, das hat er sich zuvor angeeignet, es sich zu eigen gemacht. Er sucht und findet Texte, die ihm nahe kommen und ihn in seinem eigenen Tun bestärken können, seiner künstlerischen Arbeit als Bildhauer, Zeichner, Drucker. „Er findet sich wieder”, heißt es im Steckbrief, „in den Figuren der gelesenen Literatur und sieht seine Zeichnungen und Drucke.” 

In den letzten Jahren ist eine weitere, mit Engagement betriebene Beschäftigung hinzugekommen – Peter Marggraf hat zahlreiche Mappen, Kassetten und Boxen angefertigt, Behältnisse für die Aufbewahrung seiner Kunst und seiner Bücher, Behältnisse, für die sich so recht keine eigne Bezeichnung finden lässt. Eins ist diesen Objekten gemeinsam – sie gehen aus von einem Buch, das er als Büchermacher gesetzt, gedruckt, gebunden und dem er Zeichnungen, Monotypien oder Grafiken beigegeben hat. Sie beinhalten also „Bilder und Wörter” und präsentieren sie in einer neuen Zusammenführung: Da ist das fertige Buch, das jedoch in seiner Entstehung vorgestellt wird, mit den verschiedenen Fassungen des Skripts des Autors, mit den Druckproben und Korrekturen des Büchermachers; und da sind die originalen Zeichnungen oder Grafiken, die im Buch wiedergegeben sind. Das alles hätte Platz in einer schlichten Mappe und würde die traditionellen Erwartungen an eine Werkstattdokumentation („Wie dieses Buch entstanden ist”) nicht übersteigen. Aber Peter Marggraf geht regelmäßig über ein so schlichtes Konzept hinaus, die Boxen und Kassetten enthalten mehr an Beigaben, Glasreliefs beispielsweise oder gar aufgelesene Steine, sie sind nobel-großzügig gefertigt und übertreffen die allein mit dem Buch verknüpfte Vorstellung – es sind kleine Wunderkammern voller Überraschungen, Kunstobjekte ganz eigner Art.  

Bildhauer, Zeichner, Drucker, Büchermacher – gibt es eine Verbindung zwischen all diesen Aktivitäten, gibt es ein Antriebszentrum, das Peter Marggraf zu diesen durchaus zeit- und kraft- und gedankenaufwendigen Betätigungen immer wieder nötigt?

Ich denke, ich habe eine Formel gefunden, schließlich kenne ich ihn schon an die dreißig Jahre, eine Formel, die etwa so lauten könnte: Peter Marggraf ist ein Handarbeiter in allen seinen Disziplinen, Handarbeiter im alleranspruchsvollsten Sinn, sage ich gleich dazu, ein Handarbeiter mit Kopf, ein veritabler homo faber.

Er will durch die Arbeit der Hände die Dinge, das Material, den Stoff des Lebens wahrnehmen, er will mit ihnen seine eignen Erfahrungen machen können, er will aus dem, was er in Händen hält, etwas schaffen, etwas erschaffen, etwas Dingliches, für sich allein Einstehendes, das aber Mitteilung macht von den Prozessen seiner Entstehung und dem Grund seiner Existenz. Das bliebe aber trotz aller Leidenschaft eine hohle Anstrengung, wäre da nicht jene existentielle Ernsthaftigkeit,  mit der er sich seines Lebensthemas annimmt – dem Bild des Menschen. 


Marianne Winter

Bilder vom Menschen

Bilder vom Menschen, nah an der Schöpfung, zeitlos wiederkehrend, Jahrtausende verbindend. Peter Marggraf hat sich dem ersten Thema der Kunst mit großem Ernst verschrieben, erforscht menschliches Verhalten und emotionalen Ausdruck. Die heitere Kunst, aus dem Spieltrieb geboren, ist nicht seine Bildsprache.

Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde aus Erde vom Acker, heißt es im 1. Buch Mose. Der erste Freigelassene der Schöpfung sollte er sein, selbst über Gut und Böse entscheiden und alles Geschaffene bewahren. Die primäre Grunderfahrung des Menschen aber ist Überlebenskampf. Und doch steckt dahinter die Erinnerung an paradiesische Zustände. Peter Marggrafs Menschenbild sucht nach dem Ausdruck dieser Lebenszustände.

In kleinen Statuetten, die alles Monumentale und Erhabene negieren, auch nicht aus hartem Gestein geschlagen werden, nähert er sich dem Thema.

Er modelliert die menschlichen Figuren aus Wachs, das schon in der Tradition des antiken Totenkults genutzt wurde. Unbearbeitet zeigt das formlose Material keinerlei Schönheit oder Ausdruck, aber es ist knetbar und ordnet sich gefügig jeder künstlerischen Gestaltgebung unter. Aus dem amorphen Nichts entsteht die Figur, das Wachs trägt Spuren der formenden Hand, paßt sich jeder Druckbewegung an, bewahrt Erhebungen, Vertiefungen und jede Art von Textur. Erst der nachfolgende Bronzeguss läßt die Form in festgefügter Hülle überdauern, ohne ihr die intuitive Unmittelbarkeit zu nehmen, er erhält dem Werden und Vergehen mit allen feinen Oberflächenmerkmalen gleichermaßen die Struktur.
Wachs ermöglicht spontanes Formulieren, das Lebendigwerden einer Idee, die Frische des augenblicklichen Gefühls zum Ausdruck zu bringen und zugleich jederzeit Korrekturen und Veränderungen vorzunehmen.

Der Bronzeguß erhält die spontan entstandene menschlichen Figur mit all ihren Regungen, bewahrt Bewegung und Ruhezustand, Verletzung und Vollendung. Die erdfarbene Patina läßt Assoziationen zum biblischen Schöpfungsprozesses aus dem archaischen Bodenmaterial zu.

Marggrafs Menschenbild wirkt nahezu geschlechtslos. Seine Torsi, ob männlich oder weiblich, stehen für die Menschheit. Es gibt keine modischen Attribute – sogar auf Gesichtszüge wird verzichtet –, aber körperliche Unterschiede markieren Kraft oder Unsicherheit, männliche oder weibliche Körpersprache. Amorphe Natur, anatomisches Ertasten, die Entfaltung von Energien – alles steckt in der Modellierung, die auf der Suche nach dem gewünschten Ausdruck die Arbeitswege offen zeigt. Nichts wird geglättet und kein klassisch vollkommener Endzustand angestrebt. Marggraf erweckt nicht die äußere Vollkommenheit eines Apoll, nicht die körperliche Schönheit einer Venus. Gestalten aus Mythologie und Literatur sind dem belesenen Künstler Leitbilder, aber er formt den inneren Ausdruck, sucht nach dem modellierbaren Zentrum des Wesens, dem Kernvolumen.

Durch Komprimierung der Figur und Fragmentierung wird die Körpersprache hervorgehoben. Marggraf konzentriert sich auf das Nonfinito, das rechtzeitige Aufhören im Unfertigen, die Metamorphose vom amorphen Material in die Figur. Seinen Torsi fehlen häufig die Arme, ohne den Menschen handlungsunfähig erscheinen zu lassen. Er verzichtet auf Gesichtszüge und Mimik. Der entsprechende Ausdruck kommt über die Körperhaltung und Bewegung: die Drehung der Körperachse, das Schwingen des Rumpfes und der Arme, eine Neigung des Kopfes, die Beugung des Knies. Schon minimalistische Bewegungen übertragen ein Gefühl des inneren Befindens. Sinnbild vitaler Entfaltung.

Jederzeit könnte eine andere Situation auftreten, alles steckt voller Leben. Des Menschen Erwachen, sein Selbstbewusstsein, seine Freude, seine Unruhe, aber auch seine Gebrechlichkeit, sein hilfloses Ausgeliefertsein an menschliche Macht bis hin zum Kreuz sind in diesen Gestalten enthalten.

Neben den Plastiken beschäftigen den Bildhauer die Zeichnung und Druckgrafik. Neutral nachgiebiges Linoleum für den Hochdruck, weicher Vernis mou-Grund für den Tiefdruck. Beide Bildträger ermöglichen die Arbeit mit organischen, schwingenden Linien, die dem Wachstum in der Natur entsprechen. Dazu kommen der Handabzug und der Druck auf einer alten Handpresse. So entsteht das individuelle Werk, die ganz persönliche Gestaltung mit kleiner Auflage, handsigniert.
Zehn Monotypien hat er für Georg Büchners „Woyzeck“ geschaffen. Jeder Druck einmalig und unwiederholbar. Mit weißer Druckfarbe auf schwarzem Papier, einer Technik, die besonders sensible Zeichnungen ermöglicht, entwikkelt er die Figur im schwingenden Konturverlauf, lebendig schon im Umriss, jede Linie unkorrigierbar, das Weiß der Druckfarbe opak schimmernd wie eine Haut. Mit kalligraphisch anmutendem Wechselzug, kraftvoll verstärkt oder zart tastend, entsteht die Figur, eine zeitlose Gestalt, anatomisch vollendet gezeichnet, ein Mensch in unterschiedlicher Verfassung. Seine Mimik deutet Aufmerksamkeit und Schmerz.

„Ein Jegliches hat seine Zeit” – so steht es im Prediger Salomo.

Peter Marggrafs Werk widmet sich dem Thema Mensch. Es umspannt Werden und Vergehen, die Einmaligkeit des Individuums im Kontext der Menschheitsgeschichte. Sein Handwerk bleibt verwurzelt in der Tradition und bewahrt eine Ausdrucksform, die frei von allen Zeitströmungen dem menschlichen Leben einfühlsam und voller Achtung begegnet.

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