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János Nádasdy

In meiner Arbeitsweise wende ich mich häufig sehr unterschiedlichen bildnerischen Verfahren und Materialien zu. Im Mittelpunkt meiner künstlerischen Aufmerksamkeit stehen inhaltlich die durch Menschen verursachten Deformationen in der modernen Gesellschaft. Meine Arbeiten sind mir von der Idee und von der Form her wichtig und vom Geist her, der aus der Arbeit kommt. Aber auch von einer bestimmten gesellschaftlichen Position her, die ich im politischen Meinungsfeld als Künstler vertrete. Ich bin aber kein „politischer Künstler“, wie das oft behauptet wird. Ich verspüre häufig Unbehagen an gesellschaftlichen Strukturen, und als Künstler habe ich das Bedürfnis, mich darüber mitzuteilen.

Meine Arbeiten weichen formal oft voneinander ab. Stilfragen interessieren mich nicht. Es ist für mich unwichtig, ob eine Arbeit informell ist oder wie Foto aussieht oder sonst einer Stilrichtung zugeordnet werden kann. Ich schätze die Spiritualität der Abstraktion sehr, aber wegen ihrer Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit kann man Schrecken, Gewalt, Hoffnung oder Liebe nur schwer, oder gar nicht, darin zum Ausdruck bringen. Auch deswegen entschied ich mich von Anbeginn für eine an der Wirklichkeit orientierte Bildersprache.

1939 geboren in Szigetszentmiklós, Ungarn

Beginn des Kunststudiums in Budapest

1956 Nach dem Aufstand über Wien nach Südamerika emigriert

Studium an der Escuela Nacional de Bellas Artes in Montevideo

Ausgedehnte Reise in Argentinien

1962 Rückkehr nach Europa

1965 Anerkennung als politischer Flüchtling nach der Genfer Konvention

1966-70 Studium der freien Malerei und der freien Grafik bei H. Ribitzki und H. Jaeckel an der Werkkunstschule Hannover

1982 Aufbau der Siebdruckwerkstatt im Sprengel Museum und Siebdruckkurse in der Volkshochschule

1971- 96 Kunsterzieher am Hannover Kolleg und freiberuflich tätig

1969 Herbstausstellung Niedersächsischer Künstler, Kunstverein Hannover

1970 Aktion Wohnsperre, Straßenkunst und Altstadtfest, Hannover

1980 Auf Papier, mit Papier - Material elementar, 28. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Kunstverein Hannover, Städtische Galerie KUBUS, Kestner-Gesellschaft, Kunstmuseum Hannover mit Sammlung Sprengel

1983 31. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Martin-Gropius-Bau und Nationalgalerie, Berlin

1985 Ohne Rechteck und Sockel, 33. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Kestner-Gesellschaft, Hannover

1989 Verschollen - Das Merzbild 1919, Sprengel Museum Hannover (Einzelausstellung)

1994 Kunstforum Nord 7, Halle im Marstall, Schwerin

1998 Menschenbilder (Medien), Kunstforum Nord 9, Jahresausstellung des BBK in der Eisfabrik, Hannover

2000 Ästhetische Alternativen, Horst-Janssen-Museum, Oldenburg

2003 Bilder zur Hannover-Bibel, Marktkirche Hannover

Eurografik, International Print Triennal Society, Krakow und Lavra Gallery, Kiew

2005 Wintergärten III, mit der Gruppe 7, Güntherstraße, Hannover

Land und Leute, Sammlung Lohl im Museum Alfeld

DECIMUS, Künstlergruppe Patak in MüvészetMalom (KunstMühle), Szentendre, Ungarn

Bund Ungarischer Künstler – MAOE, Duna Galérie, Budapest

Mellendorf gut bedacht, imago Kunstverein Wedemark

International Print Triennial, Krakau, Budapest, Győr, Pécs

2006 Änderung vorbehalten, Hannoverscher Künstlerverein

Kleinplastik in Niedersachsen, Galerie Kolbien, Garbsen

Zeitgenössische Deutsche Grafik aus der Sammlung Jürgen Weichardt, Chabarowsk, Russland

2007 International Print Triennial, Kraków, Polen und Horst-Janssen-Museum, Oldenburg

Kunst in der Emigration, Kunsthalle, Szentendre, Ungarn

Schwitters kam nie bis Mellendorf, imago Kunstverein Wedemark

Ungarische Künstlergruppe Patak, Galeria Umlecov, Spišská Nová Ves, Slowakei

2008 Niemandsland, Vajda Lajos Studió, Szentendre, Ungarn

Utopia – Gärten der Zukunft, Wintergärten IV, Güntherstraße, Hannover

Schillernde Bücher – Buchobjekte, anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schiller, imago Kunstverein Wedemark

2009 Niemandsland, Pécs Gallery & Visual Arts Workshop, Pécs (Einzelausstellung)

2010 Alpen – Adria Symposium, St. Kanzian, Kärnten, Österreich

Installation „Falschfahrer“, Klanggärten, Vierthaler Teich, Hannover

Lenin in Erklärungsnot, Botschaft der Republik Ungarn, Berlin

Supra, mit der Gruppe Patak, in Sárospatak, Ungarn

2011 Städtische Galerie KUBUS, gemeinsam mit Leiv Warren Donnan, Hannover

2012 Bilder vom Ja und vom Nein, Ev.-luth. Marktkirche St. Georgii et Jacobi, Hannover

Váltoáramlatok / Wechselströme, Doppelausstellung im imago Kunstverein Wedemark und der Galerie Pécs, Ungarn

Wintergärten V - H2O, Güntherstraße, Hannover

Neues aus hannoverschen Ateliers II. Eisfabrik, Hannover

2014 Niemandsland, Schloss Landestrost, Neustadt a.R.

Michael Stoeber

Zu den Arbeiten von János Nádasdy

Der 1939 in Ungarn geborene Künstler verließ nach dem gescheiterten Aufstand 1956 sein Land. Er trat eine Odyssee an, die ihn um den halben Erdball bis nach Montevideo/Uruguay führte, wo er an der dortigen Kunsthochschule seine in Budapest begonnen Studien fortsetzte. Wegen politischer und sozialer Unruhen verlässt er Südamerika und kehrt 1962 nach Europa zurück. Er ließ sich in der niedersächsischen Hauptstadt nieder, wo er sein Studium der freien Grafik und der freien Malerei an der Werkkunstschule zu Ende führte. In Hannover lebt und arbeitet János Nádasdy heute noch.

Hinter diesem sehr summarischen Lebenslauf verbirgt sich eine Biografie, in der der Wille zur Kunst immer entscheidendes Motiv war. Eine Biografie aber auch, in der die Politik für lebensentscheidende Veränderung sorgte und für eine konfliktuelle Manövriermasse, die Blick und Handeln des Künstlers bis zum heutigen Tag bestimmen. Ein Künstler dieser Generation und mit solchem Lebenslauf taugt wenig zum Anhänger eines l’art pour l’art, zum Vertreter einer künstlerischen Kunstpraxis, die auf soziale oder ethische Implikate verzichtet und sich oft genug nur damit zufrieden gibt, kunsthistorische Stilelemente zu verschränken und zu variieren. Im Gegenteil, Nádasdy arbeitet in jener Sozialhaftung von Kunst, in der immer wieder auch das Engagement für den Menschen und das Gemeinwesen sichtbar wird. Sichtbar wird in den gestalterischen Mitteln und Möglichkeiten einer Kunst, die bei ihm von der Druckgrafik über das Tafelbild bis hin zu Objekten und Aktionen reicht. 

Der Glaube, dass sich die Kunst mit dem Leben zu verbinden habe, wenn auch auf hintergründige und subversive Weise, stellt Nádasdy dabei in eine künstlerischen Tradition der Moderne, die von Schwitters bis Beuys reicht.  Besonders der hannoversche Merz-Künstler wird für den Ungarn in Hannover zur Stifterfigur eigener künstlerischen Aktionen, in denen er das Gedächtnis an Kurt Schwitters nicht etwa nur wachhält, sondern in dessen Vaterstadt das Bewusstsein für die Bedeutung des hannoverschen Dadaisten eigentlich erst recht weckt. Mit seinen spektakulären Leine-Entrümpelungen in den Jahren 1977, '80, '87, und '90 und der Pressung der dabei geborgenen „objets trouvés” zur Skulptur (in Hannover-Altstadt, Am Hohen Ufer) erinnert Nádasdy in zweifacher Weise an den Hannoveraner. Er erinnert an Künstler, die wie Picasso, Braque und Duchamp  povere Materialien in die Kunst einführten und damit den traditionellen Kunstbegriff entscheidend erweiterten. Und er erinnert daran, dass Schwitters, weit davon entfernt, sich nur als Bürgerschreck zu verstehen, als Künstler durchaus auch politisch argumentierte. Wie Nádasdys Schwitters-Denkmal nicht nur Gedächtnisarbeit leisten will, sondern durchaus auch ökologisch konsumkritischen Hintergrund hat, verstand Schwitters sein Merz-Programm auch als Immunisierungskonzept gegen jede uniformierende Vereinnahmung des Einzelnen. Nicht nur zu seiner Zeit ein brisantes Programm. 

Häufig ist János Nádasdy als „Spurensicherer” tätig. Jedoch nicht im modischen Sinne verstanden, sondern als ein moderner Archäologe der Kunst, dessen  Anamnese darauf zielt, die Traditionslinien zu rekonstruieren, aus denen sich am Ende das Bild der Moderne in der konkreten Topografie einer Stadt wie Hannover zusammensetzt. In diesem Sinne ist auch Nádasdys „Kaiserwetter-Aktion“ von 1990, die Gedächtnisentrümpelung der Leine für Karl Jakob Hirsch, zu verstehen. Der 1892 in Hannover geborene Schriftsteller und Künstler hat mit seinem dem Expressionismus verpflichteten Roman „Kaiserwetter” das einzige Buch mit „weltliterarischem Rang über Hannover” (Prof. Hans Meyer) geschrieben. Die Neuentdeckung dieses Mannes in den 80er Jahren und die damit verbundene Reedition seiner Bücher sind nicht zuletzt der spektakulären Kunstaktion von János Nádasdy zu verdanken.   

Auch Nádasdy Bunkerbilder haben mit Spurensicherung und seiner Archäologie der Neuzeit zu tun. Der Künstler ist dabei weit davon entfernt, nur an den historischen Fakten orientierte Gedächtnisarbeit leisten zu wollen und die Erinnerung an den von der deutschen Wehrmacht im II. Weltkrieg geschaffenen Atlantik- und Nordmeerwall wachzuhalten. 1973 entdeckte er solche Bunkerarbeiten zum ersten Mal während eines Ferienaufenthalts an der Westküste Dänemarks. Vor Ort entstehen Aquarellskizzen, die ihm als Vorlage für seine Bunkerlandschaften dienten. Dabei erfährt das Sujet am Ende eine Dimensionierung, die das reale Bild des Bunkers metaphorisch vergrößert. Der Blick des Künstlers bietet dem Betrachter Lesarten an, die gleichermaßen die bildnerische Assoziation wie die psychologische Analogie, die mythische Metapher oder den aktuellen Verweis auf politisch-soziale Befindlichkeiten zulassen. 

Das Bunkermotiv thematisiert wie kein anderes die Ambivalenz von Schutz und Gefährdung, von Tod und Leben. Bunker sind wie Särge, aus denen der Mensch nach todbringendem Bombenhagel seine Auferstehung zu erleben hofft. Aber das schützende Gehäuse wird zur Falle, es führt in die Isolation, die Vereinzelung, den Autismus. Das Bergende wird am Ende zum Grab, radikale Selbstbezüglichkeit schließlich zum Sarg des Seins. Nádasdy arbeitet in diesem Zyklus auch mit Fotoaufnahmen, die er in das Sieb einbringt, und mit Schablonen, die er immer wieder unterschiedlich einsetzt. Mal wirken die aus den Dünen herausgewaschenen, tonnenschweren Monsterblöcke wie erstarrte technoide Dinosaurier, wie Sarkophage, die selbst einmal zu Landschaft werden. Mal rhythmisiert er sie durch eine eigenwillige Komposition und zwing sie in eine serielle Ordnung, sodass man meint, sie marschieren zu sehen: Aufstand der Dinge. Den an sich schon konstruktiven Charakter der Bunker akzentuiert der Künstler durch die Perspektive, die er wählt, um sie wirksam ins Bild zu setzen. Extreme Frontalansichten, Untersichten, Durchblicke, Durchbrüche, Überschneidungen, scharfe Hell-Dunkel-Kontraste verleihen seinen Bildern Plastizität und expressive Dominanz. Obwohl er sich bei seinem Vorgehen auf die Fläche konzentriert, gewinnen die Arbeiten dadurch eine labyrinthisch wirkende Tiefe. 

Nádasdys Bunkerbilder entstehen in gemischten Drucktechniken. Auf den grundierten, farbig vorbehandelten Bildträger, meistens dicke Büttenkartons, werden mittels der Technik Lithografie und Siebdruck bis zu zwanzig und mehr Schichten übereinander gedruckt. Aus der Alchemie der Farben, aus zahllosen Möglichkeiten der Farbmischung von Schwarz, Weiß, Ocker, Braun und Aschestrukturen, entbindet der Künstler schließlich die typisch poröse Tonalität des Betons oder Rosts. Zu den unterschiedlichen Grau- und Brauntönen setzt Nádasdy gern einen reinbunten Blauton, ein Ultramarin oder Königsblau, der nicht nur ein malerisches Spannungefüge im Bild akzentuiert, sondern auch den Eindruck von Weite und Landschaft suggeriert. Obwohl Lithographie und Serigrafie grafische Vervielfältigungstechniken sind, ist kein Bild wie das andere. Malerische Eingriffe, pastose und lasierende Farbaufträge, matte und glänzende Partien setzten dabei auf der Ebene der Form das thematische Ambivalenzprinzip eindrucksvoll und vielgestaltig fort.  

Seit Mitte der 90er Jahre arbeitet der Künstler an seinen „schwarzen Bildern”. Hausrat, Radios, die spielen, Fernsehgeräte, die noch laufen, Kabel, Werkzeuge, Schallplatten, Pinsel, Bücher, Tuschkästen werden von Nádasdy in einen scheinbar wahllosen kompositorischen Zusammenhang gebracht. Diese Memoriale des modernen Alltags übergießt er mit einer dicken Schicht aus heißem Bitumen. Die informellen Verlaufspuren der schwarzen, glänzenden und spiegelnden Haut stehen im spannenden Gegensatz zur quasi Ordnung der Komposition. Die reliefartigen Materialbilder wirken wie zeitgenössische Szenarien. Das dialektische Spiel zwischen sichtbarer Erscheinung und gemeinter Bedeutung als Fragestellung machen die Spannung dieser Arbeiten aus. 

Nádasdy versteht sich als Künstler, der bei aller Lust am formalen Experiment kritisch auf die Welt reagiert, wie er sie erlebt. Erlebt in ihrer Unempfindlichkeit gegenüber der Tradition oder in der blinden  Besinnungslosigkeit im Umgang mit den eigenen  Ressourcen. Das suchte er nicht zuletzt mit seiner Großplastik „Waldfrieden 2000” im Jahr 1990, anlässlich der Tagung des Gesamt-Deutschen Forstvereins vor der hannoverschen Stadthalle zu dokumentieren, in der er exemplarisch auf das Waldsterben hinwies. Der Skandal um ihre Beseitigung und Abqualifizierung als „Müllhaufen” zeigen, wie wenig lebendig der durch Schwitters erweiterte Kunstbegriff bisher im Bewusstsein mancher Kommunalpolitiker ist. Aus dieser Perspektive erscheint Nádasdys Ringen um eine breite Anerkennung von Schwitters in seiner Vaterstadt – ein Bemühen, das am Ende zumindest mit der Benennung der Kreuzung vor dem Sprengel Museum zum Kurt-Schwitters-Platz belohnt wurde – ein Plädoyer in eigener Sache; die Plastik ist 1991 vor dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur dieser Stadt wieder aufgestellt worden (heute im Hof des Hannover-Kollegs und Abendgymnasiums im Stadtteil Döhren).

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