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Unter Ordnung

Zugriffsbeschränkung

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Nutzungslizenz

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Bibliografische Daten

fullscreen: Unter Ordnung

Angaben zum Werk

Titel:
Unter Ordnung
Entstehungsjahr:
2013
Künstler-/in:
MD_KUEPO_SAMMLUNG_NAME: | Alle Werke
Ort:
MD_KUEPO_ORT_TEXT: (Kassel)
Kategorie:
Installation
Material:
Eisenblech
Papier
Technik:
Tintenstrahldruck

Beschreibung

Beschreibung:
MD_KUEPO_BESCHREIBUNG_TEXT:
Blasiikirche Quedlinburg, 2013

„Unter Ordnung“? Bereits der Titel, den Josefh Delleg für seine Quedlinburger Ausstellung
gewählt hat, klingt auf den ersten Blick einigermaßen fragwürdig: Welche Ordnung ist hier
gemeint? Wer hat sie etabliert? Wer muss sich ihr unterordnen?
Zumindest lässt die mehrdeutige Formel erahnen, dass hier ein kritisches Verhältnis zu vor-
fabrizierten Systemen künstlerische Darstellung findet. Was hier in der Blasiikirche eine über
Kreuz laufende räumliche und inhaltliche Verzahnung eingegangen ist, sind zwei Installatio-
nen, die zunächst wenig miteinander zu tun zu haben scheinen. Dennoch sind beide auf
komplexe Weise miteinander verwoben. Beide bilden ein System aus Erhöhung und Ernied-
rigung – dazwischen wir, auf halber Höhe, das Publikum, genötigt, zwischen den Polen eine
vermittelnde Position zu finden.
Zwei Installationen reflektieren also ein Thema: Aus gegenläufigen Argumentationsrichtun-
gen, mit unterschiedlichen künstlerischen Gestaltungsmitteln, Konzepten und atmosphäri-
schen Wirkungen nähern sich die Inszenierungen einem gemeinsamen Ziel: So divergent sie
auch scheinen, geht es doch beiden um Form und Inhalt autoritativer Massenansprache. In-
szeniert werden komplexe Paradigmen für die Durchsetzung von Weltanschauungen: zwei
konkurrierende Modelle kollektiver Verlautbarung, zwei Vermittlungsstrategien für Verbind-
lichkeit beanspruchende Mitteilungen.
In Josefh Dellegs Doppelinstallation geraten also unvereinbare Kommunikationsmethoden
aneinander, kommentieren und verstärken sich in der Konfrontation. Trotz räumlicher Tren-
nung sind sie thematisch verflochten, trotz inhaltlicher Verschiedenheit liegen sie konzeptuell
auf gleichem Niveau – parallele Szenarien, einer vergleichbaren Ordnungsstruktur unterwor-
fen, sich jedoch zu konträren Aussagen polarisierend.
Da ist zum einen der Aufmarsch der Lautsprecher: ein minimalistisches Arrangement von
einigen jener unzähligen Endstellen einer unsichtbaren Befehlszentrale: angetretene Kolon-
nen zeitloser Symbole für die Allgegenwart obrigkeitlicher Einflussnahme, abgenutzte
Sprachrohre eines totalitären Machtapparats, der seinen Untertanen andauernd in den Oh-
ren liegt und mit seinen Tentakeln bis in die letzten Winkel des Herrschaftsbereichs in einer
verdrahteten Welt vordringt. In Reih und Glied geordnet liegen Serienprodukte aus dem In-
doktrinationsarsenal jener Machteliten, die sich permanent Gehör verschaffen müssen, um
an der Macht zu bleiben: ausrangierte Fragmente einer technischen Anlage, deren ununter-
brochenem und somit Taubheit erzeugendem Anruf sich niemand entziehen können soll.
Und dann ist da der Gegenpol, der uns den Kopf in den Nacken zwingt: der Seiltanz der in
der Höhe aufgeleinten Seiten des Buchs der Bücher – Wort für Wort in nachlesbarer Voll-
ständigkeit –, das hier nun allerdings seine ursprüngliche Gestalt verloren hat, nicht mehr
Buch ist, nur noch Inhalt: die entblätterte Schrift mit einer stillen Botschaft, die sich nicht auf-
drängt, sondern geduldig warten kann, die nicht überwältigen, sondern überzeugen will, die
nicht auf Anweisung, sondern auf freiwillige Zuwendung aus ist, aber nichtsdestoweniger
gleichfalls Autorität beansprucht: eine Form der Überredung, die, anstatt Untertanen zu er-
zeugen und diese mit Durchsagen bei der Stange zu halten, Seligkeit denjenigen verspricht,
die nichts hören können und doch glauben.
Und während das emotionalisierende Einpeitschen des akustischen Aufputschmittels auf ar-
chaischer Ebene argumentiert, verlegt sich die buchstäbliche Argumentation auf eine subtile-
re Kulturtechnik: Die wortmächtige Teil-Installation verlässt sich ganz auf die Schrift und de-
ren Wirkung auf diejenigen, die bereit sind zu sehen und zu lesen, sie hinzunehmen und vi-
suell zu verschlingen.
Während also das tönende Medium Unterwerfung fordert, will das schweigende befreien.
Das eine ist auf Opfer aus, das andere auf Erlöste. Herrscht auf der einen Seite der Druck
des Befehls und des Mitreißens, ist es auf der anderen der Druck des moralischen An-
spruchs. Gegen die Erwartung blinden Gehorsams steht die beharrliche Überzeugungsarbeit
der über den Köpfen schwebenden Sentenzen.
Sowohl der stille Wortlaut des Textes als auch das laute Wort der Durchsage richten sich mit
ihrer jeweiligen Rhetorik an die größtmögliche Zielgruppe. Die Beschriftung der Blätter folgt
dabei den Regeln der Grammatik, die phonetische Artikulation dem irrationalen Affekt. Am
Anfang ist also das Wort – und es steht am Ende des Inszenierungszusammenhangs, wo die
Geschichte das letzte Wort behält...
So erfasst Josefh Delleg in zwei großen Bildern beispielhaft zwei Verfahren einkanaliger
Kommunikation. Indem nämlich beide Methoden zur Abstrahlung höherer Werte Anspruch
auf Wahrheit erheben, lassen sie keinen Widerspruch zu, ja sie weisen nicht einmal jeman-
den aus, an den sich Widerspruch richten könnte.
Josefh Dellegs duales System bezieht seine Wirkung wesentlich aus einem Wechsel der
Perspektiven: aus einer Umwertung innerhalb der Vertikalspannung, bei der Oben und Unten
vertauscht und die gewohnten Argumentationsrichtungen auf den Kopf gestellt wurden: eine
Art semantischer Purzelbaum, ein Salto mortale der Bedeutung. Denn jene Lautsprecher, die
einst von erhöhter Position schallten, liegen nun demontiert am Boden. Von der Geschichte
überrollt, windet sich das Medium im Staub, während sich die Drucksache, die gemeinhin in
Augenhöhe argumentiert, nunmehr als Über-Schrift von oben herab ihre Wirkung entfaltet.
Beide Artikulationsorgane scheinen daher auf den ersten Blick in Unordnung: Jene so ge-
nannten „Dorffunklautsprecher“, die der Künstler unmittelbar nach der Selbstaufhebung des
zugehörigen politischen Systems an Ort und Stelle von ihren Sockeln geholt hat, sind ihrer
ursprünglichen Funktion und Position ebenso beraubt wie die einzelnen Seiten der Lektüre,
die, in ihre Bestandteile zerfallen, gleichfalls nur noch als Fragment in Erscheinung tritt: nur
in der Vereinzelung der fliegenden Blätter wirken kann. Doch wenngleich die Form aufgelöst
ist, bleibt doch die Aussage gewahrt. Blatt für Blatt sorgsam rekonstruiert, bleibt die lineare
Struktur – und damit die Botschaft selbst – unangetastet. Wenn auch die Form zerfleddert,
ist doch der Sinnzusammenhang gerettet.
Und so, wie einerseits der alte Text unbeschädigt ist, bleibt andererseits der lange Arm des
jüngeren Systems virulent: Unablässig entquillt den Lautsprechern weiter die Akustik der
Macht. Das gestürzte Regime, wirksam noch in seiner Hinfälligkeit, sondert noch immer die
überholten Signale ab. Liegt auch das System am Boden, sind doch seine Prinzipien weiter
intakt, wirken sie nach im Takt der ideologischen Vorgaben: „Der Schoß ist fruchtbar noch,
aus dem das kroch“, heißt es zum Beispiel in Bertolt Brechts Stück „Arturo Ui“ über die laten-
te Gefährlichkeit erlegter Ideologien.
So sind auch diese gefallenen Organe noch funktionsfähig, können nicht zum Schweigen
gebracht werden. Doch was ihnen nun entströmt, ist nicht mehr die Botschaft zur Manipulati-
on der Massen, sondern die Botschaft der bereits manipulierten Massen. Nun tönt aus ihnen
unaufhaltsam der narkotisierende Rhythmus der Unterworfenen: nicht mehr die Stimme der
Agitatoren, sondern die Reaktion der Agitierten, der Marschtritt der Bezwungenen – und das
Ende vom Lied: die Melancholie des leisen Kindergesangs, der sich auf das weltpolitische
Geschehen einen schlichten Reim zu machen sucht.
Nun wäre es allerdings zu kurz gegriffen, Josefh Dellegs janusköpfige Kunst-Installation nur
als Kritik derjenigen Systeme zu verstehen, aus denen sie ihren Stoff bezieht. Sie macht sich
zwar am konkreten, am zeitgeschichtlich eindeutig verorteten Material fest, verweist aber
zugleich ins Allgemeine: Jeder Art absoluten Gehorsam fordernder Kodifizierung mit Unhin-
terfragbarkeitsanspruch – und den Folgen der Befolgung – gilt das Fragen des Künstlers –
ist es doch keineswegs nur „Pommernland“, das heutzutage abgebrannt ist.
Die Doppelinstallation formuliert also nichts Geringeres als eine Metapher auf die allgemei-
nen Existenzbedingungen – sind doch auch wir (das Ausstellungspublikum) gleichfalls ein-
gespannt zwischen Oben und Unten, zwischen Himmel und Hölle, zwischen die konkurrie-
renden Weltdeutungsmodelle und sonstige Versprechungen von Politik und Religion. Die In-
szenierung richtet sich gegen alle Formen von dogmatischen Offenbarungstexten mit der
Attitüde letzter Wahrheit, die auf dem glaubenden Nichtwissen ihrer Anhänger beruhen: ge-
gen alle Herrschaftsformen, die von den gewaschenen Gehirnen der von ihnen Beherrschten
abhängig sind. Sie hat zum Thema all jene zeitlosen Laute nie verstummender Autoritäten,
die sich hinter Verordnungen, Erlassen, Handlungsanweisungen verbergen, die sich aus-
nahmslos an alle richten, aber rücksichtslos über die Köpfe sämtlicher Adressaten hinweg-
gesprochen werden oder lautlos herabrieseln, bis sie sich festsetzen und den Automatismus
blinden Befolgens in Gang setzen – Imperative vom Tenor „Du musst Dein Leben ändern!“,
wie sie der Philosoph Peter Sloterdijk als „den letzten Inhalt all der Kommunikationen (...),
die um den Globus schwirren“, kürzlich diagnostiziert hat.
Mit dem Vorzeigen der Instrumente für Gleichschaltung und Fernsteuerung führt also das
Medium vor, was die Botschaft will: Dressur des Einzelnen zum Ornament der Masse. Das
ordnungsstiftende Mittel demonstriert an sich selbst die von ihm gewollte Ordnung. Der Ap-
parat in seiner heruntergekommenen Endphase repräsentiert den Zustand, den er selbst
herbeiführen möchte: den Einklang der Vielen, den Gleichtakt des Handelns und Denken als
das Ideal einer Tyrannei, die den Bewegungsraum und mit ihm den geistigen Spielraum ka-
nalisiert.
Das Wort – so oder so übermittelt – transformiert also die Adressaten zum Bestandteil des
jeweiligen Systems, das einen Warnaufdruck nötig hat: Wer hinhört, hat verloren, wer liest,
wird eingewickelt, wer sich auf das System einlässt, wird von ihm absorbiert. Hören – und
nicht glauben, lesen – und besser nicht handeln, wäre somit eine denkbare Maxime, eine
mögliche Folgerung aus dem hier dargelegten künstlerischen Tatbestand.
In Josefh Dellegs bipolarer Installation erscheinen die paradierenden Lautsprecher als der
unschuldige Teil: richtet sich doch die künstlerische Kritik nicht gegen die missbrauchte
Hardware, sondern gegen diejenigen, die sie einsetzen. Denn so, wie sie daliegen, wirken
die aufgerissenen Mäuler (sichtlich von der Zeit strapaziert, als Manipulationsinstrumente
heute längst von wirkungsvolleren Technologien abgelöst) seltsam unzeitgemäß und hilflos:
gezeichnet von der Politik, in die sie verwickelt waren, mitgenommen von den „winds of
change“, hie und da notdürftig geflickt wie in einem rührenden Versuch der Heilung von Ge-
schichte mit freilich untauglichen Mitteln...
Das beharrliche Schweigen der Flugblätter ist also dem flüchtigen Gelärme der Gewalt ent-
gegengesetzt; der losgelassene Affekt kontrastiert mit dem an die Leine gelegten Schriftbild.
Babel und Bibel: hier die heillose Verwirrung der politischen Verstrickungen, dort das Heils-
versprechen ex cathedra. Logos oben: abgehängt, aber lesbar, unten die Unvernunft: hoff-
nungslos unbelehrbar. Einerseits der unschuldige Gesang im Einklang mit dem Auftritt der
schuldig Gewordenen, andererseits die lautlose Überzeugungsarbeit der schwebenden Pa-
pierformationen. Einerseits die Parole, die sich schreiend Gehör verschafft, andererseits der
stumme Text, der danach schreit, gelesen zu werden.
Hören Sie – wenn Sie wollen – auf beides, aber sagen sie nicht, Sie seien nicht gewarnt!
Dr. Harald Kimpel

MD_KUEPO_BESCHREIBUNG_ZITIERT_AUS:

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https://doi.org/10.25362/kupo.c9c01e6d-a8c4-4e6d-bdc4-c243631e6ed0

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