- Titel:
- 150 Millionen Tonnen - Fragile Unterwasserwelt
- Entstehungsjahr:
- 2021 - 2022
- Künstler-/in:
- Karin Bison-Unger | Alle Werke
- Ort:
- Worpswede (Entstehung)
- Kategorie:
- Malerei
- Material:
- Acrylfarbe
Leinwand
Polyacryl
Granulat
- Technik:
- Assemblage
- Maße:
- Höhe: 100 cm
Breite: 150 cm
- Beschreibung:
- 150 Millionen Tonnen – Fragile Unterwasserwelt
Karin Bison-Unger, Worpswede , Acryl / Mixed Media / Assemblage auf Leinwand 100 × 150 cm, gerahmt
Entstanden im Rahmen von „Kunst für die Wissenschaft“ Auftragswerk für das Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg Ankauf durch das ICBM
Eine Unterwasserwelt, die erst auf den zweiten Blick ihre Geschichte erzählt.
Auf den ersten Blick erscheint „150 Millionen Tonnen – Fragile Unterwasserwelt“ als farbenprächtige, üppige Unterwasserlandschaft. Vor tiefblauem Grund besiedeln Korallen, Algen und andere marine Formen den Bildraum. Luftblasen steigen auf, dazwischen entsteht der Eindruck eines lebendigen, tropischen Ökosystems.
Erst bei genauerem Hinsehen verändert sich die Wahrnehmung grundlegend.
Was wie Luftblasen erscheint, sind tatsächlich Kunststoffpellets. Die feinen Algenstrukturen bestehen aus den Fäden eines Geisternetzes – eines im Meer verloren gegangenen Fischernetzes. Der vermeintliche Meeresboden setzt sich aus verwitterten Kunststofffragmenten und alten Flaschendeckeln zusammen. Die Schönheit der Unterwasserwelt wird damit zu einer bewussten Täuschung: Das Bild zeigt zugleich die faszinierende Vielfalt des Meeres und die Spuren seiner zunehmenden Belastung durch menschliche Hinterlassenschaften.
Kunst im Dialog mit der Wissenschaft
Das Werk entstand auf Initiative des Meereswissenschaftlers Dr. Shungudzemwoyo Garaba vom ICBM der Universität Oldenburg. Anlass war seine wissenschaftliche Arbeit zur Erfassung und Ortung von Plastikmüll im Meer. Das Forschungsprojekt wurde innerhalb der Basisaktivitäten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA gefördert und vom ESA-Wissenschaftler Dr. Paolo Corradi geleitet. Ziel des Projekts war es, neue Methoden zur Erkennung von Plastikmüll im Meer zu entwickeln – unter anderem mithilfe spezifischer Lichtsignale und von Satellitendaten. Für Garaba bot die Zusammenarbeit mit der Künstlerin eine Möglichkeit, wissenschaftliche Forschung auf eine andere Weise öffentlich erfahrbar zu machen. Kunst kann komplexe wissenschaftliche Fragestellungen nicht ersetzen, aber sie kann ihnen eine visuelle, emotionale und unmittelbar wahrnehmbare Ebene hinzufügen.
So entstand ein Werk an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft: Wissenschaftliche Erkenntnis bildet den Ausgangspunkt, die Kunst übersetzt sie in eine eigene ästhetische Sprache.
Reale Spuren aus dem Meer
Eine besondere Bedeutung haben die Materialien, die Karin Bison-Unger in diese Arbeit integriert hat. Für die Assemblage verwendete sie Originalfragmente, die im Rahmen von Forschungsprojekten aus dem Ozean geborgen wurden. Dazu gehören unter anderem Plastikteile und Kunststoffpellets vom Pago Beach auf Guam sowie Pellets, die The Ocean Cleanup aus eingesammeltem Meeresmüll recycelt hatte. Auch Fäden eines Geisternetzes wurden in das Bild eingearbeitet. Die Künstlerin nähte diese mit Nadel und Faden direkt auf die Leinwand.
Damit sind die verwendeten Materialien mehr als bloße Gestaltungsmittel. Sie besitzen eine reale Herkunft und eine eigene Geschichte. Sie stammen aus dem Umfeld wissenschaftlicher Untersuchungen und Bergungsprojekte und werden durch die künstlerische Arbeit in einen neuen Zusammenhang überführt.
Aus einem Fundstück wird ein Bestandteil der Bildkomposition; aus einem wissenschaftlich relevanten Material wird ein ästhetisches und zugleich bedeutungstragendes Element.
Malerei und Assemblage
Das Werk entstand in einem aufwendigen Schichtprozess. Karin Bison-Unger arbeitete mit zahlreichen Lasuren Acrylfarbe, bevor die Kunststofffragmente in der abschließenden Phase in die Bildoberfläche integriert wurden. Dadurch entsteht eine reliefartige, räumliche Wirkung. Die verschiedenen Materialien übernehmen dabei unterschiedliche visuelle Funktionen: Sie werden zu Blasen, Algen, Bodenstrukturen, Korallen oder anderen Bestandteilen der Unterwasserwelt. Gleichzeitig behalten sie ihre materielle Identität.
Besonders eindrucksvoll ist dieser Widerspruch bei den Geisternetzfäden: Was im Bild wie feine Algen erscheint, ist tatsächlich das Material eines verlorenen Fischernetzes. Die Grenze zwischen Natur und menschengemachtem Material wird dadurch bewusst verwischt.
„150 Millionen Tonnen“
Der Titel verweist auf die geschätzte Gesamtmenge des Plastikmülls, die sich bereits in den Meeren angesammelt hat. Die Zahl macht eine Dimension sichtbar, die sich allein mit dem Verstand kaum erfassen lässt.
Die Kunst wählt dafür einen anderen Zugang: Aus einer abstrakten Größenordnung wird eine konkrete, sinnlich erfahrbare Bildwelt.
„150 Millionen Tonnen“ steht für die kaum vorstellbare Masse; „Fragile Unterwasserwelt“ steht für das, was durch diese Belastung gefährdet ist.
Beides wird in einem einzigen Bild miteinander verbunden.
Schönheit und Bedrohung.
Die Arbeit setzt bewusst auf einen Kontrast: Sie ist schön anzusehen und zugleich zutiefst beunruhigend. Je länger man das Bild betrachtet, desto stärker verändert sich der erste Eindruck. Die farbenprächtige Unterwasserwelt erweist sich als eine Landschaft, in der natürliche Formen und menschliche Hinterlassenschaften untrennbar miteinander verbunden sind.
Gerade diese Ambivalenz macht einen wesentlichen Teil der Wirkung des Werkes aus. Die Betrachterinnen und Betrachter werden nicht durch eine ausschließlich dokumentarische oder dramatische Darstellung auf das Thema gelenkt. Stattdessen lädt die Schönheit des Bildes zunächst zum Verweilen ein – und führt erst danach zur Erkenntnis dessen, was tatsächlich dargestellt und verarbeitet wurde.
Kunst für die Wissenschaft
„150 Millionen Tonnen – Fragile Unterwasserwelt“ steht beispielhaft für das Potential eines Dialogs zwischen wissenschaftlicher Forschung und zeitgenössischer Kunst. Das Werk illustriert die Wissenschaft nicht. Es übersetzt ihre Fragestellung in eine andere Form der Wahrnehmung.
Wissenschaft untersucht, misst und dokumentiert die Belastung der Meere. Die Kunst kann daraus eine emotionale und sinnliche Erfahrung entstehen lassen. So werden wissenschaftliche Erkenntnisse, reale Fundstücke und künstlerische Imagination miteinander verbunden.
Karin Bison-Unger möchte mit ihrer Arbeit dazu anregen, die Schönheit und zugleich die Verletzlichkeit der marinen Ökosysteme wahrzunehmen – und die Betrachterinnen und Betrachter dazu bringen, die vertraute Welt für einen Moment mit neuen Augen zu sehen.
Werkgeschichte
Das Werk entstand als Auftragsarbeit für das ICBM der Universität Oldenburg und fand seinen Platz im Neubau des Zentrums für Marine Sensorik am ICBM-Standort Wilhelmshaven. Die Universität Oldenburg berichtete am 21. Februar 2023 unter dem Titel „Schrecklich schön“ ausführlich über die Entstehung und den wissenschaftlichen Hintergrund der Arbeit. (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Das ICBM erwarb das Werk. Die Universität berichtete zudem, dass sowohl die ESA-Zentrale in Noordwijk als auch der Hauptsitz von The Ocean Cleanup in Rotterdam Interesse an einer Präsentation des Kunstwerks gezeigt hatten. (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Quelle zum wissenschaftlichen und werkgeschichtlichen Kontext: Universität Oldenburg, Schrecklich schön, 21.02.2023. Zum Originalartikel der Universität Oldenburg
Karin Bison-Unger / karibudesign führt das Werk unter „Kunst für die Wissenschaft“ und verweist ebenfalls auf den Bericht der Universität Oldenburg. (karibudesign)
Karin Bison-Unger
- Schlagworte:
- Mikroplastik
Meeresverschmutzung
- Lizenz der Metadaten:
- kein Copyright / Public domain (CC0 1.0)
https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de
- Persistente URL:
- https://doi.org/10.25362/kupo.94145dde-50d2-4ed3-878e-35465042f6f3
